#4: Das da unten …

dasdaunten

 

Heute mal etwas aus der Kategorie „Alltagsprobleme der Arbeitswelt“. Als Redakteurin
oder auch jedes andere Mitglied der schreibenden Zunft sollte man eigentlich weniger mit Wortfindungsproblemen zu kämpfen haben. In der Theorie zumindest. Denn irgendwann überkommt sie jeden einmal: Die gefürchtete Schreibblockade. Das hat mein neuer Job erst heute eindrucksvoll bewiesen. Dass sie allerdings so schnell kommen würde – damit hätte ich weniger gerechnet!

 

„Ein c-förmiges, im Cha-Cha-Cha-Rhythmus vibrierendes Etwas“

 

Montagmorgens, noch vor dem ersten Kaffee (als wäre das allein nicht schon genug), kommt meine Kollegin auf mich zu und drückt mir ein vibrierendes (ist das nicht eindeutig ein Cha-Cha-Cha-Rhythmus?), c-förmiges Etwas in die Hand. „Der ist für Paare! Eine absolute Weltneuheit!“ Produktbeschreibung und Bedienungshinweise bitte. Bis zum Mittag. Kein Problem – schließlich führen auch unter meinem Bett einige dieser brummenden Zeitgenossen ein Leben, das garantiert nicht von Traurigkeit ist. Also erstmal einen Kaffee holen und dann in die Tasten gehauen. Wenige Minuten später sitze ich, mit einer dampfenden Tasse Lungo Leggero, Presseinformationen und Bedienungsanleitung bewaffnet, an meinem Schreibtisch. Wie paralysiert beobachte ich, wie das kleine, lilafarbene Spielzeug zitternd und ruckelnd über die erste Juniwoche meiner Kalender-Schreibtischunterlage kriecht, als vollführe es irgendeine Art Balztanz „ … probier mich aus … ich bin prickelnd und schmeichelweich … “.

 

„Ich bin 30 und habe noch kein Wort für ‚das da unten‘ gefunden“

 

Geben Sie etwas silikonfreies Gleitgel auf das längere der beiden Enden, bevor sie es in die – … ZACK! Da schnappt sie auch schon zu: Die Wortfindungs-Falle. Erbarmungslos! Und ich mit einem unguten Gefühl mittendrin. Nicht etwa, weil mir die Worte fehlen – das ist Berufskrankheit und gehört, wie gesagt, ab und an dazu – sondern, weil mir eines schlagartig bewusst wird: Ich bin 30, eine Frau, die – wie man meinen sollte – die Pubertät bereits erfolgreich hinter sich gelassen hat, und habe bisher noch kein ansprechendes Wort für „das, was ich da unten habe“ gefunden. Ich persönlich bevorzuge einen Klassiker: die gute, alte Muschi, was mir genau in diesem Moment plötzlich tierisch kindisch und albern vorkommt. Pussy? – zu englisch! Scheide? Vagina? – zu klinisch! Fo- … um Himmels Willen, nein!

Da sitze ich nun – der Vibrator auf meinem Tisch hat sich mittlerweile schon vom Montag bis zum Donnerstag auf der Unterlage vorgejuckelt – und ringe nach Worten. Ein Mensch, der ganz ohne rot zu werden, Worte wie Prostatastimulator oder Analkugelkette ausspricht, an einer Beschreibung für das eigene Geschlechtsteil jedoch verzweifelt. Pflaume, Döschen, Liebesgrotte bis hin zur weichen Werkstatt der Liebe – es ist nicht grad so, als hätten sich nicht schon genug Teenager, Rapper oder Softporno-Produzenten Gedanken darüber gemacht, wie man die weibliche Spaßzone sonst noch benennen könnte. Wie aber findet man ein Wort, das weder an den schulischen Aufklärungsunterricht noch an stöhnende Pornodarstellerinnen in pinken Latexkostümen erinnert aber auch nicht so klingt, als wäre man zu Gast auf dem jährlichen Frauenärzte-Kongress in Bad Langensalza?

 

„Wir Frauen geben sogar unseren Autos oder Schuhen Namen“

 

Während das Objekt des Anstoßes geradewegs auf den Sonntag zu-cha-cha-chat, kommt mir plötzlich die Erleuchtung: Moment, vielleicht ist gerade diese Vielfalt an und für sich die Lösung des Problems! Für kein anderes Wort gibt es so viele Synonyme. Zeugt das nicht auch irgendwie von Individualität? Wir Frauen lieben es, Dinge unser eigen zu machen – ja, wir geben sogar unseren Autos oder Schuhen Namen. Soll doch jede Frau (meinetwegen auch jeder Mann) das da unten so nennen, wie es ihr (oder ihm) gefällt – ganz egal, ob es albern, kindisch, klinisch oder pornös klingt. Und ich wäre nicht ich selbst, wenn ich nicht einen Weg finden würde, das Recht auf Ideenreichtum elegant zu bewahren:

Geben Sie etwas silikonfreies Gleitgel auf das längere der beiden Enden, bevor sie es einführen. Punkt.

 

Keine Lust auf Lesen? Fionas Kolumne gibt’s auch zum Zuhören:

 

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