„Du findest schon noch den Richtigen!“ – Warum mich dieser Satz wahnsinnig macht

Stoppt Single Shaming

Eva, Laura und ich sitzen bei ein paar Bier zusammen. Wir reden. Es geht um die Party am nächsten Wochenende, um Lauras alten Arbeitgeber, um Fußball, und irgendwann geht es dann mal wieder um das Eine. Das zuverlässigste Thema im Freundinnenkreis: Mein Singlesein. “Ich verstehe einfach nicht, warum du noch alleine bist”, erklärt Eva, “aber mach dir keine Sorgen, so eine tolle Frau wie du findet schon noch den Richtigen.”

Ich umschließe mein Bierglas noch einen Ticken fester und versuche, Evas Versicherung einfach nur als etwas missglücktes Kompliment zu lesen. Ein Kompliment, das zwar nett sein soll, mir aber langsam aber sicher aus den Ohren rauskommt. Es ist immer das gleiche: Die gleichen Beruhigungen, die gleichen Nachfragen. “Wie lange bist du jetzt schon Single?” “Du hast einfach zu hohe Ansprüche!” “Aber warum meldest du dich nicht bei dem, der war doch ganz okay?” “Mach dir keine Sorgen, das wird schon noch.” “Lohnt sich das eigentlich für dich, nur für eine Person zu kochen?”

In anderen Worten: Single Shaming.

Denn all diese Sätze kreisen immer um ein “Problem”, das meine Freundinnen als Kernthema meines Lebens ausgemacht haben: Kein Freund in Sicht.

Dass ich mich selber noch nie darüber beschwert habe? Dass ich durchaus Männer date und Sex habe? Dass ich ein so reges Sozialleben führe, dass ich gar nicht wüsste, wo ich da noch einen romantischen Partner unterbringen sollte? Dass es mir super gut geht? Dem Single Shaming ist das egal. Irgendwas muss einem ja fehlen.

Ich liebe meine Freundinnen, aber ich ärgere mich in solchen Momenten über sie. Und sie sind auch nicht alleine mit ihrer Sorge. Manchmal scheint es mir, als sorge sich meine ganze Umwelt, die ganze Gesellschaft, um Singlefrauen.

Single Shaming auch unter Freundinnen

Bemerkungen von Tante Gertrud auf der Familienfeier (“Und, was ist mit Dir? Deine Schwester ist ja sogar schon verheiratet!”), bei der Frauenärztin (“Aber wollen sie denn keine Kinder?”) und die unzähligen Schlagzeilen, die über die so bemitleidenswerten Singlefrauen produziert werden, alle zusammen machen sie klar: Singlefrauen fehlt etwas. Sie sind Mängelwesen. Sie können zwar attraktiv und cool sein, aber irgendetwas stimmt trotzdem nicht mit ihnen. Sie sind entweder zu wählerisch, zu launenhaft oder zu emotional vorbelastet. Oder alles zusammen.

“Jennifer Aniston, warum kann sie keinen Mann halten?”, “Demi Moore – was macht sie jetzt so alleine?”, “Ilse Aigner, fehlt ihr der Mann zur Macht?” Solche Schlagzeilen kann man sich ja kaum ausdenken, aber sie wiederholen sich fast tagtäglich: Dass alternative Schlagzeilen wie “Jennifer Aniston: Endlich ist sie wieder einen Toxic Boyfriend los” oder “Ilse Aigner: Warum tut sich die CSU mit Frauen so schwer?” vielleicht näher an der Wahrheit liegen könnten? Tja. Danach wird selten gefragt, wenn es um die ach so bemitleidenswerten Singlefrauen geht. Wie gesagt: Single Shaming.

Ich kann es wirklich nicht mehr hören!

Denn dieses ewige “Du wirst schon noch den Richtigen finden” ist nichts anderes als eine schlecht getarnte Platzanweisung an uns Frauen. Sie reduziert uns auf ein Rollenbild, indem ein eigenständiges Leben zwar vorkommen darf, aber sich Frau-Sein in letzter Konsequenz eben doch auf die tradierte Rolle beziehen soll: liebende Ehefrau, fürsorgende Mutter. Die Tatsache, dass Männer bei weitem nicht so auf ihren Beziehungsstatus reduziert werden, zeigt es deutlich: Männer sind nicht per se Mängelwesen, wenn ihnen eine romantische Partnerin fehlt. Meistens werden sie dann sogar eher beneidet und bewundert (“Der Glückliche, der kann machen was er will.” “Der genießt sein Leben einfach in vollen Zügen”). Eine Frau als Single hingegen? Die Arme.

Diese Sicht auf die ihre Freiheit genießenden Männer und die verzweifelt suchenden Frauen wird immer wieder betont. Männer, so heißt es in Ratgebern, Artikeln und im Bekanntenkreis, seien halt nicht so bindungsfähig, Frauen hingegen wollten sich unbedingt und immer sofort ganz fest binden. Tja. Doch das Ding ist: Stimmt nicht.

Denn schaut man sich einmal wissenschaftliche Erkenntnisse zur Bindungsbereitschaft und zu Beziehungen an, zeigt sich: Es sind sogar eher die Männer, die sich eine Beziehung wünschen. Es sind Männer, die deutlich mehr von romantischen Beziehungen profitieren. Sie leben dann gesünder, sind sie verheiratet verdienen sie mehr Geld und sie haben bessere Kontakte zu ihrer Familie. Und doch sind es in den allermeisten Fällen Frauen, denen als Singles angeblich was fehlt im Leben.

Dabei zeigen wissenschaftliche Umfragen stabil: Singlefrauen sind überaus glücklich.

Und das sage ich auch Eva und Laura an dem Abend: Wenn sie mich toll finden, dann stimmt das auch ohne Mann. Wenn sie mich toll finden, und selbst wenn ich nie mehr einen Partner haben sollte, dann stimmt das trotzdem. Ein Leben wird nicht erst komplett durch eine romantische Beziehung. Ob eine feste Beziehung nicht auch richtig schön sein kann, spielt dabei keine Rolle. Es ist nämlich vor allem eines, was Singlefrauen tatsächlich fehlt im Leben: Eine Gesellschaft, die ihnen zutraut, dass sie auch ohne Partner glücklich sein können. Singlefrauen sind keine Mängelwesen. Und ich wünsche mir daher so sehr, dass endlich Schluss ist mit Single Shaming. Also: Lasst Euch niemals sagen, Ihr seid nicht genug. Ihr seid genug.


Über die Autorin

Foto: © Astrid Kasimir

Gunda Windmüller, geboren 1980, ist promovierte Literaturwissenschaftlerin. Als freie Journalistin arbeitete sie u.a. für Welt und ze.tt. Die Wahlberlinerin schreibt über die Themen Gender, Sex, Schönheit und Beziehungen und war bereist zu Gast in Folge #10 des AMORELIE Podcasts zum Thema Single Shaming. 2019 ist ihr erstes Buch erschienen: „Weiblich, ledig, glücklich – sucht nicht“ – eine unterhaltsame Streitschrift, die den Mythos von der traurigen Singlefrau endgültig ausräumen will.

Gunda Windmüller: Weiblich, ledig, glücklich – sucht nicht. Eine Streitschrift 
Rowohlt Taschenbuch, Hamburg 2019 | 288 Seiten, 14,99 Euro
Hier erhältlich

 

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