Mythos Jungfernhäutchen: Was stimmt wirklich?

Die Jungfräulichkeit einer Person mit Vulva lässt sich am Jungfernhäutchen erkennen und wie eine Folie reißt das Häutchen bei der ersten Penetration – so oder so ähnlich habt Ihr es vielleicht auch gelernt. Denn genau dieser Irrglaube hält sich seit Jahrhunderten hartnäckig durch Hochzeitsbräuche, Kinofilme, Schulbücher oder Internet-Pornos. Das schürt Ängste und führt sogar dazu, dass einige Menschen sich operieren lassen, um Konsequenzen zu umgehen.

Dass diese Darstellung einige logische Lücken aufweist, wird dabei gern außer Acht gelassen. Denn wie könnten Menschen, die vorher gar keinen Sex hatten, dann überhaupt menstruieren oder einen Tampon benutzen, ohne das Hymen zu verletzen? Daran seht ihr bereits, dass das Konzept vom Jungfernhäutchen wohl eher ein Überbleibsel aus stark patriarchalen Zeiten ist, als die Vulva noch wenig erforscht und das Thema stark mit Scham und Schande beladen war.

Hymen: Schleimhautfalte als Überbleibsel aus der Embryonalzeit

Das Jungfernhäutchen, auch Hymen genannt, hat seinen Namen dem griechischen Hochzeitsgott Hymenaios zu verdanken. Anatomisch betrachtet handelt es sich nicht um eine geschlossene Haut, die den Vaginalkanal verschließt. Es ist eher eine Schleimhautfalte, die sich im Laufe der menschlichen Entwicklung verändert. In der Embryonalzeit verschließt sie tatsächlich noch den Vaginaleingang, vor der Geburt öffnet sie sich aber und bildet sich im Erwachsenenalter zu einem weichen Saum zurück. Die Schleimhautfalte hat dann keine Funktion mehr, sie kann aber unter Umständen verletzt werden und dadurch etwas bluten. Oft ist das aber gar nicht der Fall, denn der Saum ist sehr dehnbar.

Das Jungfernhäutchen kann verschiedene Formen haben

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Am häufigsten ist das ringförmige Hymen, das sich um den Vaginaleingang legt. Ein komplett geschlossenes Jungfernhäutchen wird Hymen imperforatus genannt und ist sehr selten – für Menschen mit Vulva wäre das sogar gefährlich, da das Menstruationsblut nicht ungehindert abfließen kann.

Mythos Jungfräulichkeit: Das Spielchen mit der Macht

Bereits vor mehr als 200 Jahren sahen Mediziner*innen die gesellschaftliche Bedeutung des Jungfernhäutchens kritisch – sie waren mit dieser Meinung allerdings oft in der Minderheit. Der französische Arzt Louis de Jaucourt sprach sich schon im 18. Jahrhundert gegen die Fetischisierung der weiblichen Jungfräulichkeit aus. Die Entjungferung wurde von Kritiker*innen also als Instrument des Patriarchats enttarnt, doch die Vorurteile hielten sich trotzdem hartnäckig.

Der Mythos der weiblichen Jungfräulichkeit, die angeblich körperlich nachweisbar ist, wurde durch frühchristliche Schriften, wie das Protoevangelium des Jakobus, verstärkt. Die Jungfrau Maria und ihre Unberührtheit sind bis heute im christlichen Glauben verankert, sodass es kein Wunder ist, dass die falschen Vorstellungen über das Jungfernhäutchen noch immer weit verbreitet sind. Und sogar in Filmen wie „Twilight“ und „Fifty Shades of Grey“ spielt die Jungfräulichkeit noch immer eine Rolle.

(Bild: Maro)

Buch-Tipp: Kulturwissenschaftlerin Oliwia Hälterlein klärt in ihrem Buch „Das Jungfernhäutchen gibt es nicht“ über Legenden rund um die Schleimhautfalte auf:

„Einmal drin – alles hin. An diese sexistische Losung glauben viele Menschen seit Jahrhunderten. Das Wort „Jungfernhäutchen“ unterstellt, dass es sich erstens um ein verschlossenes Häut­chen handelt (Achtung, könnte reißen!) und zweitens, dass nur „Jungfrauen“ eins haben (Achtung, begehrt!). Auch heute noch zwingen Väter ihre Töchter zu Keuschheitsgelöbnissen, verkaufen einige Frauen* ihre „Jungfräulichkeit“ und unterziehen sich andere sogenannten Hymenrekonstruktionen, um die Familie nach der Hochzeits­nacht nicht mit einem weißen Laken zu enttäuschen. Dabei lässt sich nichts rekonstruieren, was nie da gewesen ist – denn das Jung­fern­häutchen gibt es nicht.“

Jungfernhäutchen-Operation für 3.000 Euro: Wie sich ein Mythos (re)konstruieren lässt

Skurril: Obwohl genügend wissenschaftliche Erkenntnisse vorliegen, bieten viele deutsche Praxen Hymenrekonstruktionen an. Viele Patient*innen nutzen die im Schnitt 3.000 euro teure OP, weil sie gesellschaftlichen Druck verspüren. Pro Familia warnt vor solchen Angeboten: „Die Hymenrekonstruktion ist ein ethisch umstrittener Eingriff. Ärzt*innen, die mit diesem Anliegen konfrontiert werden, geraten in den Konflikt, einerseits die Frauen einem unnötigen Eingriff auszusetzen und zur Aufrechterhaltung von Mythen und frauenfeindlichen Haltungen beizutragen, andererseits aber damit schwerwiegende negative Konsequenzen für die Frau vermeiden zu können.“

Schmerzen beim ersten Mal – oft ist nicht das Hymen daran schuld

Es kann vorkommen, dass es beim ersten Sex etwas blutet, nämlich dann, wenn der weiche Schleimhautring einreißt. Das kann zum Beispiel passieren, wenn der Penis eindringt und Du noch nicht richtig feucht bist. Für gewöhnlich blutet es aber kaum, sodass die Schauermärchen von blutigen Bettlaken eher unrealistisch sind. 50 Prozent der Menschen mit Vulva, die ihr erstes Mal erleben, bluten überhaupt nicht. Und auch Schmerzen beim ersten Mal verursacht ein ringförmiges Hymen nicht. Es kann aber vorkommen, dass man aus Anspannung oder Nervosität so sehr verkrampft, dass das Eindringen erschwert wird und dadurch Schmerzen entstehen.

Daher gilt: Lasst Euch beim ersten Mal unbedingt viel Zeit, streichelt Euch viel und entdeckt Stück für Stück den Körper des*der Anderen. Wenn der Körper bereit ist, entspannt er sich und die Vulva ist ausreichend feucht, damit eine Penetration möglich ist.

Geschrieben von
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