Schamlippen: Warum wir uns von dem Wort verabschieden sollten

Schamlippen vs. Vulvalippen

Vielleicht seid Ihr die Generation Dr. Sommer – dann kennt Ihr sicher noch die Berichte, in denen offen über Schamlippen und die verschiedenen Formen und Längen der Hautfalten gesprochen wurde. Zu thematisieren, wozu die Labien dienen und wie unterschiedlich sie aussehen können, gehörte für viele Leser*innen damals zur Aufklärung dazu und half dabei, Unsicherheiten vorzubeugen. Jedoch wurde jedoch nie der eigentliche Begriff infrage gestellt – wenn man aber genauer darüber nachdenkt, ist die Bezeichnung für das äußere Geschlechtsmerkmal normativ weiblicher Personen aber ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten.

Warum heißt es Schamlippen?

Der Begriff Schamlippen leitet sich von der lateinischen Bezeichnung ab: labium pudendi. Labium heißt übersetzt Lippen und pudere ist ein Verb, das übersetzt „sich schämen“ heißt. Vielleicht ist Euch auch noch der veraltete Begriff für den normativ weiblichen Genitalbereich bekannt: „Holde Maid, bedenke Deine Scham!“, würde heute am FKK-Strand wohl niemand mehr rufen. Wir sind also schon ein ganzes Stück weitergekommen! Lediglich das Wort Schamlippen hält sich nach wie vor hartnäckig im Sprachgebrauch, obwohl es nichts an ihnen gibt, wofür man sich schämen muss.

Die Scham der Frau

Früher sah man dies offenbar anders – was die systematische Beschämung der Frau zur Folge hatte. Sie hatte sich nicht aufreizend zu kleiden, nicht vulgär zu reden, musste ihre Keuschheit bis zur Heirat bewahren und sollte selbst dann am besten keinen Spaß beim Sex empfinden, da der Akt lediglich der Zeugung diente.

Strenge religiöse Ansichten, aber auch patriarchale Strukturen sorgten also dafür, dass das normativ weibliche Geschlecht stets ein Tabuthema war und es daher für viele noch immer ist. Bis heute gibt es viele, die ihre Vulva, inklusive der sogenannten kleinen und großen Schamlippen, noch nie genauer betrachtet haben und daher gar nicht wissen, wie ihr Geschlechtsteil eigentlich genau aussieht. Dahinter steckt oft die Angst, sich selbst nicht schön genug zu finden – oder das seit Kindheitstagen tief verankerte Gefühl: So etwas macht man nicht!

 

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Statt Schamlippen: Vulvalippen als begriffliche Alternative

Dabei gibt es durchaus begriffliche Alternativen, die wir selbst Kindern bereits beibringen können, damit es gar nicht erst zu diesem tiefsitzenden Schamgefühl kommt. Neben Schamlippen ist nämlich auch bereits der Begriff Labien im Duden zu finden. Zugegeben: Die Bezeichnung klingt etwas wissenschaftlich. Daher plädieren manche auch für den ebenso neutralen Begriff Vulvalippen, was auch uns sehr gut gefällt. Der Grund: Das Wort bezeichnet konkret, wo sie sich befinden: direkt am sichtbaren Teil des Geschlechtsorgans, der Vulva.

Wozu dienen die Vulvalippen?

In erster Linie schützen die Vulvalippen den Scheideneingang. Zudem geben sie über zahlreiche Drüsen auch Sekret ab, um die Schleimhäute mit Feuchtigkeit zu versorgen. Dazu gehören beispielsweise die Bartholin-Drüsen, die auf der Innenseite der kleinen Vulvalippen liegen.

Die Vulva mit den großen und kleinen Vulvalippen ist aber auch eine wichtige erogene Zone. Schon zarte Berührungen können sehr angenehm sein. Bei vielen Frauen verdecken die Labien den empfindlichen Klitoriskopf über dem Scheideneingang. Jede Vulvina (unser Lieblingsbegriff für die Vulva und Vagina) ist aber anders und auf ihre Weise schön – so kann es sein, dass die kleinen Vulvalippen in den großen versteckt liegen oder herausschauen.

 

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„Trend-OP“ Schamlippenverkleinerung – was Du darüber wissen solltest

Für manche Menschen kann es unangenehm und schmerzhaft sein, wenn es im Alltag beim Gehen oder in engen Hosen zu Reibung an den hervorschauenden, kleinen Labien kommt. Daher fragen sich viele, ob eine im Volksmund Schamlippenverkleinerung genannte Operation sinnvoll ist. Gesetzliche Krankenkassen betonen aber, dass dies nur in den seltensten Fällen wirklich medizinisch notwendig ist. Zudem könne es durch eine Operation zu Sensibilitätsstörungen und sogar Schmerzen beim Sex kommen.

Für viele ist das Thema auch hauptsächlich eine psychische Belastung. Es kann daher helfen, sich mit Freund*innen darüber auszutauschen – vielleicht haben sie sich bereits ähnlich kritisch mit ihrem Körper auseinandergesetzt. Einen positiveren Bezug zu den eigenen Genitalien zu entwickeln, ist unserer Meinung nach entscheidend, um sich wohler im eigenen Körper zu fühlen – dabei hilft zum Beispiel auch Vulva Watching.

Ebenso schön, aber etwas sinnlicher ist das Wort Venuslippen. Es gibt aber sicher noch einige andere Bezeichnungen, mit denen Ihr das Körperteil bezeichnet? Schreibt es uns in die Kommentare!

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