Podcast meets Workshop: Wie Jenni sieben anderen Frauen ihre Vulva zeigte

Illustration: Joshua Buchheim

Hallo, hier ist Jenni. Ich nehme an Deinem Kurs teil und bin unten vor der Tür.”

 

Mit diesen Worten beginnt mein Vulva-Watching-Erlebnis.Ich stehe im Osten Berlins auf einem riesigen Gewerbehof aus alten Backsteinen und warte darauf, dass sich die Tür vor mir öffnet. Ich besuche heute den Workshop Viva la Vulva – Watching & Fotoshooting” bei Iva Samina. Sie ist gefühlt alles: Coachin, Sexologin, Heilpraktikerin, Hypnotherapeutin, HypnoBirthing-Geburtsvorbereiterin und Körper- und Sexualitätserforscherin. Der Workshop, an dem ich teilnehme, ist für alle Menschen mit Vulva, die sich und das weibliche Genital besser kennenlernen wollte. So far so good.

Weißt Du, wie Deine Vulva aussieht?

Natürlich saß ich schon nackt vor dem Spiegel, mit gespreizten Beinen und habe geguckt, was da unten bei mir so abgeht. Ich bin der Meinung, dass alle wissen sollten, wie die eigene Vulva aussieht. Gleiches gilt natürlich auch für den Penis, auch wenn der aufgrund seiner Anatomie viel einfacher zu betrachten ist. Auf der anderen Seite kann ich mir vorstellen, dass die Vulva ein weiterer Körperteil ist, der zu Unsicherheiten führen kann. Zwar denke ich bei Normschönheit im medialen Diskurs sofort an den Bodytype, aber auch die Vulva bekommt immer öfter gesellschaftliche Schönheitsideale aufgedrückt. Normschön ist, was unauffällig und nicht zu groß ist: Elegante und sanft geschwungene Vulvalippen, wobei die äußeren Lippen die inneren verdecken, keine Intimbehaarung, kein Geruch, zarte Haut. Doch die Vulva ist so individuell wie unser gesamter Körper, wie unsere Persönlichkeit, wie wir selbst.

Illustration einer Vulva.
Illustration: Joshua Buchheim

Während ich mir über meine Figur ab und an mal den Kopf zerbreche, habe ich mir noch nie Gedanken darüber gemacht, ob meine Vulva schön ist. Zwar waren und ist das Entdecken meiner Sexualität und Bedürfnisse ein Prozess, aber ich habe in den letzten Jahren nicht damit gehadert, meine Vulva zu zeigen. Genauer gesagt, Männer beim Sex an meine Vulva zu lassen – mit Händen und Zunge. Kann es tatsächlich sein, dass meine Vulva und ich in einer gesunden Beziehung miteinander leben? Spoiler: Nein, so einfach ist es leider nicht, wie der Workshop zeigen wird.

Diese Vulven werde ich also bewundern

Aber von vorn. Am Workshop nehmen fünf weitere Frauen teil. Im normalen Leben wären wir uns nicht über den Weg gelaufen, wie es eine der Teilnehmerinnen – eine Mutter Mitte 40 – perfekt auf den Punkt bringt. Drei Teilnehmerinnen sind schätzungsweise Mitte 20, eine weitere ist in einem ähnlichen Alter wie ich. Neben Workshopleiterin Iva ist noch die Berliner Fotografin Jennifer Rabe dabei. Zu ihrer Rolle während des Workshops später mehr.

Nach einer kurzen Meditation zum Ankommen berichtet jede Frau, warum sie hier ist. Ich fange an zu erzählen und schiebe alles auf Vicky und unseren Podcast Ich hab noch nie”, der uns jeden Monat raus aus unserer Sex-Routine und rein in neue Abenteuer wirft. Da es diesen Monat um Nacktheit und die Vulva geht, bietet sich das Motto „Viva la Vulva” doch an. Ich habe mir zwar die Workshop-Beschreibung durchgelesen, aber nicht weiter darüber nachgedacht – Menschen, die mich kennen, wissen, dass mir das nicht ähnlich sieht. Aber ich wollte mich auf diese Erfahrung einlassen und Ängsten und Unsicherheiten keinen Raum geben.

Dann sehe ich zum ersten Mal eine fremde Vulva

Nun passiert wirklich das, was der Workshop-Name suggeriert: Wir zeigen einander unsere Vulven – natürlich nur, wenn wir wollen. Das versteht sich von selbst. Iva erklärt den Ablauf: Die Person, die ihre Vulva zeigen möchte, geht nach vorne zum Stuhl (ich nenne ihn insgeheim Thron), zieht bewusst und in der eigenen Geschwindigkeit die Kleidung aus (ob teilweise oder komplette Nacktheit ist jeder selbst überlassen), setzt sich auf den Stuhl, spreizt die Beine und präsentiert ihre Vulva. Pro Vulva Watching dürfen drei Personen nacheinander nach vorne kommen und näher gucken, sofern die Person auf dem Stuhl das möchte.

Iva beginnt. Sie geht nach vorne, zieht langsam ihren Slip aus und setzt sich mit geschlossenen Beinen auf den Stuhl. Sie atmet tief ein und aus und öffnet dann ihre Beine. Ihr Blick schweift entspannt durch den Raum und über unsere Gesichter, während wir ihre Vulva anschauen. Ein surrealer Moment, denn ihre Vulva ist tatsächlich die erste „fremde“ Vulva, die ich in real life vor mir sehe. Ich entscheide mich spontan, nach vorne zu gehen und frage Iva, ob es okay für sie sei. Sie nickt und lächelt. Ich setze mich vor ihre geöffneten Beine und mein erster Impuls ist, ihre Vulva mit meiner zu vergleichen. Genau das wollte ich nicht. Schließlich sind wir hier, um die Schönheit und die Einzigartigkeit unserer Vulven zu genießen. Aber ich merke, dass ich durch die Gesellschaft darauf trainiert bin, mich mit anderen zu vergleichen. Nur dachte ich, dass das nicht mit meiner Vulva passieren würde. Ivas Vulva erscheint mir viel zarter als meine, die Haut ist heller, die äußeren Vulvalippen erheben sich fast gar nicht und umschließen die inneren Vulvalippen. Alles sieht glatt und schlicht aus und, nun ja, perfekt.

Der Moment, in dem ich meine Vulva zeige

Nach und nach zeigen die anderen Frauen ihre Vulven. Sie nehmen sich bewusst Zeit für den Moment, eine ist dabei komplett nackt, bei einigen zeichnen sich mal Angst, Aufregung, Unsicherheit in den Gesichtsausdrücken wieder, doch alle strahlen und wirken zufrieden nach ihrem Vulva Watching. Dann bin ich an der Reihe. Mein Problem: Ich muss dringend auf die Toilette und bin dadurch noch angespannter. Ein weiteres Problem: Alle Frauen, die ihre Vulva bis jetzt gezeigt haben, sind normschön. Ich entspreche mit meinen Kurven nicht dem gesellschaftlichen Schönheitsideal und irgendwie hatte ich erwartet, in solch einem Workshop mehr Diversität in jeglicher Hinsicht zu sehen.

Bild: Paula Schmidt/Pexels.com

Trotzdem gehe ich nach vorne, ziehe langsam meine Strumpfhose und meinen Slip aus und setze mich mit geschlossenen Beinen und Augen auf den Stuhl. Ich versuche diesen Moment wirklich zu zelebrieren, die Blicke der anderen auszublenden, zu atmen und darauf zu vertrauen, dass dies ein sicherer Raum ohne (Ab)Wertung ist. Dann öffne ich Augen und Beine und zeige sieben fremden Menschen meine Vulva. Der Raum ist so hell und ich habe das Gefühl, dass die Sonne wie ein Scheinwerfer auf meine Vulva scheint. Kurzum: Ich fühle mich unwohl. Nicht, weil im Raum eine negative Stimmung herrscht, sondern weil ich Angst habe, dass meine Vulva einfach anders aussieht. Dabei höre ich in dem Moment schöne Beschreibungen von den anderen Frauen, nur dass ich sie in dem Moment nicht fühlen und wertschätzen kann. Meine Vulva sieht anscheinend aus wie ein Schmetterling, sie lädt ein zum Erkunden und Entdecken, ist voller Kraft und voller Leben. Aber alles, was ich im Kopf habe, ist: Riecht meine Vulva? Was ist, wenn ich mein Pipi nicht halten kann? Was ist, wenn die anderen meine Vulva “ekelhaft” finden?

Ich bin sehr verunsichert und schließe meine Beine, noch während eine andere Frau vor mir sitzt und meine Vulva anschaut. Ich kann nicht mehr und entschuldige mich. Iva fragt mich, wie ich mich fühle. Ich schätze, mein Blick sagt alles, aber ich versuche das Chaos in mir mit Worten zu beschreiben: Unwohlsein, Anspannung, Verunsicherung. Gefangen in meinen Gedanken, reißt mich Fotografin Jennifer plötzlich mit folgenden Worten aus dem Karussell:

Ich war so fasziniert von dem Moment, als du mit geschlossenen Augen auf dem Stuhl saßt. Du sahst so weiblich aus, so in dir ruhend. Ich hätte gerne davon ein Foto gemacht.

Wow. Ich wünschte, ich hätte ein Foto von dem Moment, um zu sehen, was sie in dem Augenblick gesehen hat.

Damit endet das Vulva Watching. Wir öffnen die Fenster und atmen erst einmal durch. Schließlich wartet noch das Fotoshooting auf uns. Wie es sich anfühlt, seinen Schoßaltar (Ich liebe dieses Wort! Danke, Iva!) zu schmücken und davon Fotos machen zu lassen, lest Ihr im zweiten Teil. Hört auch rein in die Episode, in der ich mit Iva über meine Gefühle spreche und sie erzählt, wieso sie den Vulva Watching Workshop überhaupt anbietet:

Geschrieben von
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