„Meine Infektion zu verstecken bringt weder mir noch anderen etwas”: Drag Queen Lucyfer über das Leben mit HIV

Credit: Drag Queen Lucyfer

Vor einigen Jahren wurde Drag Queen und Promotionsstudent Lucyfer positiv auf HIV getestet. Die Diagnose kam für ihn überraschend. Auf seinem Instagram-Kanal und darüber hinaus spricht er offen über das Leben mit dem HI-Virus, Ablehnung und den Wunsch nach Akzeptanz. Dabei betont er immer wieder, wie entscheidend es ist, sich regelmäßig testen zu lassen.

AMORELIE: Lucyfer, Du bist HIV-positiv. Wie und wann hast Du erfahren, dass Du infiziert bist?

LUCYFER: Es ist jetzt etwas über drei Jahre her, als ich erfahren habe, dass ich HIV-positiv bin. Das war ironischerweise bei meinem ersten Gespräch beim Arbeitsarzt. Bevor ich meinen Vertrag für meine Arbeitsstelle unterschreiben konnte, gab es die typische arbeitsmedizinische Untersuchung. Kurz vorher hatte ich mich ganz normal testen lassen – wie ich es regelmäßig gemacht habe – und da war auch noch alles in Ordnung. Trotzdem sollte ich zur Sicherheit noch mal einen Test machen und dann kam zwei Tage später der Anruf, ich soll wegen „Unklarheiten” noch mal reinkommen. Der Test war positiv. Daraufhin habe ich mir einen Infektiologen gesucht und dort einen weiteren Test gemacht. Na ja, und eine Woche später war ich schon auf meinen Medikamenten.

AMORELIE: Hattest Du denn Symptome?

LUCYFER: Ne, das ist es ja. Anscheinend war die Infektion noch recht frisch. Meine Werte waren auch noch in Ordnung. Aber meine weißen Blutkörperchen wurden niedriger, daran hat man erkennen können, dass mein Immunsystem abschwächt. Das Einzige, was ich gemerkt habe, waren meine eingerissenen Mundwinkel. Normalerweise kannte ich das aus dem Winter, wegen trockener Luft und Zinkmangel. Aber dieses Mal schien es nicht mehr wegzugehen. Als dann die Diagnose kam, dachte ich mir: Jetzt habe ich meine Erklärung.

Du stehst auf einmal da und denkst Dir, von nun an Du bist wahrscheinlich ein komplett anderer Mensch für andere Leute und das musst Du denen erst mal beibringen.

Coming-out als HIV-positiv: Von Ablehung bis Aufklärung

AMORELIE: Kannst Du Dich noch an Dein erstes Gefühl erinnern, als Du die Diagnose bekommen hast?

LUCYFER: Na ja, ich musste mich schon zusammenreißen und nicht heulen. Da ich mich vorher regelmäßig habe testen lassen, war es vor allem eine Überraschung, mit der ich wirklich nicht gerechnet habe. Du stehst auf einmal da und denkst Dir, von nun an bist Du wahrscheinlich ein komplett anderer Mensch für andere Leute und das musst Du denen erst mal beibringen. Ich meine, wenn Du die Diagnose erhältst, sind die Leute nett und versuchen es Dir schonend beizubringen, aber die psychologische Behandlung ist eben nicht vorhanden. Daher fühlt sich – glaube ich – jeder in dem Moment erst mal verlassen.
Natürlich muss man sich nach der Diagnose erst mal sammeln und – was ganz wichtig ist – sich mit den richtigen Personen umgeben. Mein Vorteil war in dem Moment, dass ich durch mein Masterstudium in Mikrobiologie einigermaßen weiß, was zu tun ist und einfach stur agiert und alles in die Wege geleitet habe. Nämlich: mir einen Arzt gesucht und meinen Freunden Bescheid gegeben, um die Gewissheit zu haben, ich bin nicht alleine.

Credit: Drag Queen Lucyfer
„Wenn Du als HIV-positiver Mensch daten willst, stößt Du regelmäßig auf Ablehnung.“

AMORELIE: Du sagst, es hat Dir damals schon geholfen, dass Du Deine Liebsten um Dich herum hattest und sofort aktiv nach Hilfe gesucht hast, um die Aufklärung zu bekommen, die Du in dem Moment und darüber hinaus gebraucht hast. Wie offen gehst Du heute mit Deiner Infektion um?

LUCYFER: Hätte ich das nicht gemacht, wäre es sicherlich ein sehr großes psychisches Problem für mich geworden. Aber ich wusste ja durch mein Studium, dass man heute mit HIV alt werden kann. Klar muss ich mit Einschränkungen leben. Ich kann zum Arbeiten nicht mehr auswandern (weil die Krankenkasse meine Medikamente dann nicht mehr bezahlen würde), aber ich wollte von Anfang an offen und ehrlich mit den Leuten sein. Meine Infektion zu verstecken bringt weder mir noch anderen etwas. Eventuell können andere sogar daraus lernen oder trauen sich, offener über ihre Diagnose zu sprechen. Ich weiß ja grundsätzlich, dass ich keinen Fehler gemacht habe. Und wenn Menschen um mich herum mitbekommen, wie wichtig es ist, sich testen zu lassen oder sich vorab präventiv zu schützen, habe ich meinen Erfolg schon erzielt.

Wenn Du die Diagnose erhältst, denkt Du Dir, jetzt zerbricht Deine Welt, aber es ist im Endeffekt gar nicht so.

Die Therapie bietet heute effektiven Schutz vor einer Ansteckung

AMORELIE: HIV ist mittlerweile eine behandelbare Krankheit, mit der man fast ein beschwerdefreies Leben führen kann. Wieso meinst Du, glauben viele Menschen immer noch, von HIV-positiven Menschen in medikamentöser Behandlung würde eine Gefahr ausgehen?

LUCYFER: Weil kaum darüber geredet wird. Und dann ist da der „Was ist, wenn …” Gedanke. Ich glaube, die Vermittlung zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit ist dabei noch ein Problem. Die Aids-Hilfe macht zwar groß Werbung, aber es wird größtenteils nicht wahrgenommen. Manche haben immer noch ein versteinertes Denken, aus dem sie nicht rauskommen. Das ist ein bisschen wie mit den Aluhüten: „Ich lass mir doch nichts impfen, wo noch nichts erwiesen ist.” Wenn ich z. B. beim Zahnarzt oder bei anderen Ärzten behandelt werde, muss ich meine Infektion erwähnen, bevor die Behandlung beginnt. Selbst dann kann ich von Ärzten abgewiesen werden. Dabei merkt man dann, wie tief verwurzelt dieser Gefahr-Gedanke noch ist und wie viel Unwissenheit hinter dem ganzen Thema steht.

AMORELIE: Bist Du schon mal abgewiesen worden?

LUCYFER: Ja ja, ein paar mal schon. Nachdem ich den Anamnesebogen ausgefüllt habe.

AMORELIE: Und wie wird das begründet?

LUCYFER: Entweder mit: „Wir können Sie leider nicht behandeln” oder „Wir haben nicht das richtige Equipment”. Da weißt Du dann schon, was Sache ist. Man kann aber nicht viel dagegen machen, außer vors Gericht zu gehen. Aber dann musst Du das erst mal beweisen.

AMORELIE: Ist Dir diese Art von Abweisung auch schon in anderen Situationen passiert?

LUCYFER: Oft. Wenn Du als HIV-positiver Mensch daten willst, stößt Du regelmäßig auf Ablehnung. Nach dem Date erhalte ich dann Nachrichten wie: „Sorry, ich komme damit nicht so klar.” Selbst, wenn ich offen darüber rede. Manche verstehen es, andere wiederum nicht. Ich versuche dann zu erklären, dass es letztlich wie Diabetes oder die Antibabypille ist, die ich einmal am Tag einnehme und damit wirklich sicher bin. Aber Ablehnung erlebt man leider oft.

HIV und die Schuldfrage

Credit: Drag Queen Lucyfer
Wer sich als HIV-positiv outet, möchte kein Mitleid – „Wir wünschen uns Akzeptanz“.

Wenn man nachtragend ist, wird man glaube ich nicht mehr happy.

AMORELIE: Du bezeichnest Dich auf Instagram als HIV-Aktivist. Wieso ist es für Dich wichtig, öffentlich über sexuell übertragbare Krankheiten wie HIV zu sprechen?

LUCYFER: Dieses Jahr sind es 40 Jahre HIV-Pandemie. Dir begegnet Aufklärung auf Postern oder im Internet, aber das ist immer noch zu wenig Aufmerksamkeit. Es geht ja nicht mehr nur um HIV, sondern allgemein um alle Geschlechtskrankheiten. Da ist mehr Aufklärung nötig. Mein Eindruck ist dieser: Egal auf welcher Party ich bin, über Themen wie Safer Sex redet kaum einer. Daher spreche ich das Thema ganz offen auf meinem Kanal (@lovemelucyfer) an. Mir ist wichtig zu vermitteln, dass eine HI-Infektion nicht das Ende der Welt bedeutet und man keine Angst vor einer Ansteckung haben muss, wenn man vorsorgt.

AMORELIE: Bist Du eigentlich böse auf die Person, die Dich mit HIV infiziert hat?

LUCYFER: Böse sein kann man da nicht, es war ein Unfall. Ich glaube auch, niemand möchte jemanden mit Absicht anstecken. Aber da kann und möchte ich nicht urteilen, jede*r muss selbst wissen, ob er*sie den Status über seinen Körper wissen möchte oder nicht. Ist auch nicht so, als hätte ich ohne Kondom gevögelt. Es war einfach echt ein Unfall. Da denkt man sich: „Wird schon nichts passiert sein”. Wenn man nachtragend ist, wird man – glaube ich – nicht mehr happy. Man sollte seinen Frieden mit sich selbst schließen, weil ändern kann man es eh nicht mehr.

KNOW YOU STATUS: Ein Test nimmt die Angst und liefert Gewissheit

AMORELIE: Was möchte man als Mensch, der sich als HIV-positiv outet, niemals hören?

LUCYFER: „Es tut mir leid”. Niemand möchte Mitleid haben. Wir wünschen uns Akzeptanz – das ist wichtig. Vor allem die Menschen, die frisch die Diagnose bekommen haben, reden ungern darüber. Behandelt sie einfach ganz normal und vergesst nicht: Falls es zum Sex mit einer Person kommt, die medikamentös eingestellt ist, muss man sich keine Gedanken machen.

AMORELIE: Was würdest Du Menschen raten, die Angst haben, sich testen zu lassen?

LUCYFER: Die Angst ist natürlich berechtigt. Aber dann sollte man sich fragen: Hat man Angst, dass der Test positiv ist oder hat man allgemein Angst? Ich bin lieber für einen Moment ängstlich, als in purer Unwissenheit und mit dem möglichen Risiko draußen herumzulaufen, positiv zu sein. Das ist wie ein Pflaster, das man einmal abreißen muss. Man geht hin, lässt sich testen und fertig. Daher predige ich auch immer wieder drei Worte: KNOW YOUR STATUS!

AMORELIE: Danke für das Interview!


Im Jahr 2020 schätzte das Gemeinsame Programm der Vereinten Nationen zu HIV/AIDS (Unaids) die weltweite Zahl von HIV/ AIDS-Erkrankten auf rund 37,7 Millionen Menschen. Quelle: Statista

 

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Wie sicher ist unser Sex?

Der Begriff „Safer Sex“ kam in den 90ern auf und steht für den Schutz vor sexuell übertragbaren Krankheiten beim Geschlechtsverkehr. In unserer heutigen Gesellschaft wird Safer Sex aber vorrangig als Schwangerschaftsverhütung praktiziert. Im AMORELIE Sexreport gaben sogar 28 %* der Teilnehmenden an, dass sie gar nicht verhüten. In der dritten Episode unserer vierteiligen #Sexucation Reihe spricht Nenja gemeinsam mit den Expert*innen Agi und David von BiKoBerlin über das Thema Safer Sex und darüber, wie wichtig es ist, offen über die Themen Geschlechtskrankheiten und Verhütung zu kommunizieren.

*AMORELIE Sexreport 2020/2021, repräsentative Onlinebefragung (18-65 Jahre) in Deutschland, Österreich und der Schweiz, n=2.000

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