Am 15. Oktober zünden Menschen auf der ganzen Welt um 19 Uhr eine Kerze an. Sie denken dabei an alle Eltern, die ihr Kind während der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt verloren haben. Weil die Kerzen Zeitzone für Zeitzone aufleuchten, heißt diese Aktion „Wave of Light“.
Für viele Menschen, die eine Fehlgeburt erlebt haben, ist das einer der wenigen Momente im Jahr, in denen ihr Verlust sichtbar wird. Denn über Fehlgeburten wird leider immer noch wenig gesprochen. Dabei sind sie so häufig, dass die meisten von uns vermutlich jemanden kennen, der eine erlebt hat. Womöglich ohne es zu wissen.
Vielleicht bist Du selbst betroffen und fühlst Dich gerade ziemlich allein damit. Vielleicht möchtest Du gerade jemanden begleiten. Oder Du willst einfach verstehen und wissen, wie Du Deinen Lieben beistehen könntest, wenn es ihnen passiert.
Deshalb sprechen wir heute darüber und versuchen, das Thema zu enttabuisieren. Was ist eine Fehlgeburt? Wie oft passiert es, was kann dahinterstecken und was kann Betroffenen jetzt helfen? Über diesen Verlust zu sprechen ist schmerzhaft und schwierig. Doch das Schweigen zu brechen, kann Betroffenen helfen, ihren Schmerz zu verarbeiten und sich weniger allein damit zu fühlen.
Inhaltsverzeichnis
Was ist eine Fehlgeburt?
Eine Fehlgeburt ist das ungewollte Ende einer Schwangerschaft, bevor der Embryo, Fötus beziehungsweise das Baby außerhalb der Gebärmutter überleben könnte. In Deutschland spricht man von einer Fehlgeburt, wenn die Schwangerschaft vor der 24. Schwangerschaftswoche endet und der Fötus weniger als 500 Gramm wiegt. Medizinisch heißt sie auch Abort, umgangssprachlich Abgang.
Ärzt*innen unterscheiden mehrere Formen:
- Frühe Fehlgeburt: Sie passiert in den ersten zwölf Schwangerschaftswochen und ist mit Abstand die häufigste Form.
- Späte Fehlgeburt: Sie passiert ab der 13. Woche.
- Verhaltene Fehlgeburt (Missed Abortion): Das Herz des Embryos schlägt nicht mehr, der Körper hat die Schwangerschaft aber noch nicht abgestoßen. Oft gibt es weder Blutung noch Schmerzen, und die Diagnose kommt unerwartet beim Ultraschall.
- Biochemische Schwangerschaft: Das ist ein sehr früher Verlust kurz nach der Einnistung. Oft bemerkt man ihn nur, weil ein Test kurz positiv war.
Ob Du von Deinem Baby, Deinem Sternenkind oder Deiner Schwangerschaft sprichst: Es gibt kein richtiges oder falsches Wort für das, was Du verloren hast. Auch wenn eine sehr frühe Fehlgeburt medizinisch manchmal anders gezählt wird – wie sehr sie Dich bewegt, entscheidest Du.
Wie häufig sind Fehlgeburten?
Fehlgeburten sind die häufigste Komplikation in der Schwangerschaft. Eine große Übersichtsarbeit im Fachjournal The Lancet hat Daten aus vielen Ländern ausgewertet. Demnach enden rund 15 % aller erkannten Schwangerschaften in einer Fehlgeburt.
Dieselbe Übersichtsarbeit hat außerdem Studien aus Europa und Nordamerika ausgewertet: Rund 11 % der Frauen darin hatten genau eine Fehlgeburt erlebt, knapp 2 % zwei und weniger als 1 % drei oder mehr.
Vielleicht hast Du auch schon höhere Zahlen gelesen, etwa „jede dritte Frau“. Das liegt daran, dass sehr frühe Verluste oft unbemerkt bleiben. Sie fühlen sich an wie eine etwas verspätete oder stärkere Periode. Je nachdem, ob man sie mitzählt, schwanken die Angaben stark.
Wie viele Fehlgeburten es in Deutschland genau gibt, weiß niemand: Laut Bundesfamilienministerium existiert dazu keine amtliche Statistik. Gestützt auf Recherchen des Fraunhofer-Instituts für Angewandte Informationstechnik (FIT) schätzt das Ministerium rund 90.000 Fehlgeburten pro Jahr. Etwa 84.000 davon passieren demnach bis zur zwölften Schwangerschaftswoche, etwa 6.000 zwischen der 13. und der 24. Woche, wie das Deutsche Ärzteblatt berichtet.
Wenn Du eine Fehlgeburt erlebt hast, bist Du also keine Ausnahme. Du gehörst zu einer sehr großen Gruppe, die aber nur selten sichtbar wird.
Die 12-Wochen-Regel: Warum schweigen so viele?
Kennst Du das ungeschriebene Gesetz, eine Schwangerschaft erst nach der zwölften Woche zu verkünden? Diese Regel ist keine medizinische Vorgabe, sondern eine gesellschaftliche Gewohnheit. Der Grund dahinter: Die meisten Fehlgeburten passieren im ersten Schwangerschaftsdrittel, danach sinkt das Risiko deutlich. Werdende Eltern möchten sich mit der 12-Wochen-Regel oft schmerzhafte Gespräche ersparen, für den Fall, dass es nicht klappt. Wenn niemand Bescheid weiß, kann auch niemand nachfragen.
Das ist total verständlich, hat jedoch auch eine Kehrseite: Wer in diesen ersten Wochen eine Fehlgeburt erlebt, trauert oft im Stillen. Um etwas, von dem kaum jemand wusste. Viele gehen am nächsten Tag zur Arbeit und meistern ihren Alltag, als wäre nichts gewesen. Manche fragen sich sogar, ob sie überhaupt traurig sein dürfen, weil es „ja noch so früh“ war.
Die Antwort ist ganz klar: Ja, Du darfst. Deine Trauer braucht keine Mindestanzahl an Wochen.
Darüber reden ist schwer – und kann trotzdem helfen
Vielleicht zieht sich bei dem Gedanken, jemandem davon zu erzählen, alles in Dir zusammen. Das ist verständlich. Über eine Fehlgeburt zu sprechen heißt, etwas sehr Verletzliches zu teilen, oft ohne zu wissen, wie das Gegenüber reagiert. Viele Betroffene berichten von (meist gutgemeinten) Sätzen, die trotzdem mehr wehtun als helfen.
Trotzdem: Wer den Schritt wagt, erlebt manchmal auch Überraschendes und erfährt Verständnis, mit dem man vielleicht gar nicht gerechnet hätte. Ein Kollege sagt plötzlich: „Uns ist das auch passiert.“ Die Freundin erzählt von ihrer Fehlgeburt vor ein paar Jahren, über die sie nie gesprochen hat. Aus „Ich bin allein damit“ wird „Wir sind viele“.
Offenheit kann zweierlei bewirken. Sie kann Dich entlasten, weil Du Deine Trauer nicht mehr verstecken musst. Gleichzeitig kann sie auch anderen Mut machen, die gerade still durch dasselbe gehen. Jedes Gespräch macht das Thema ein kleines bisschen normaler, auch für alle, die nach Dir kommen.
Das heißt natürlich nicht, dass Du reden musst. Du entscheidest, wann, wie viel und mit wem Du Deine Erfahrung teilst. Vielleicht ist es erst eine einzige vertraute Person. Vielleicht eine Selbsthilfegruppe mit Menschen, die Dich nicht kennen, aber genau verstehen. Vielleicht schreibst Du es erst einmal nur für Dich auf. Jeder dieser Schritte zählt.
Falls Du Dir gerade noch nicht vorstellen kannst, darüber zu sprechen: Auch das ist in Ordnung. Vielleicht wächst das Bedürfnis in Dir plötzlich, vielleicht kommt es nicht. Wichtig ist, dass Du auf Dich hörst und Dich nicht von falscher Scham leiten lässt.
Was sind die Gründe für eine Fehlgeburt?
Das Wichtigste zuerst: In der Regel kann eine Fehlgeburt weder von der schwangeren Person noch von Ärzt*innen verhindert werden.
Mehr als die Hälfte der Fehlgeburten in den ersten zwölf Wochen geht auf zufällige Unregelmäßigkeiten in den Erbanlagen von Eizelle oder Spermium zurück. Der Embryo hätte sich nicht weiterentwickeln können, und der Körper beendet die Schwangerschaft. Manchmal nistet sich die befruchtete Eizelle auch nicht richtig ein oder wird nicht ausreichend versorgt.
Bei späteren Fehlgeburten spielen andere Faktoren eine größere Rolle, zum Beispiel Infektionen, Fehlbildungen der Gebärmutter oder Myome. Auch das Alter erhöht das Risiko. Und die Forschung nimmt zunehmend Faktoren in den Blick, die nicht bei der gebärenden Person liegen, etwa die Qualität der Spermien-DNA.
Oft findet sich aber auch keine konkrete Ursache. Das ist schwer auszuhalten, wenn Du verstehen willst, warum es passiert ist. Gleichzeitig kannst Du darin auch etwas Entlastendes sehen: Wenn sich keine Ursache findet, gibt es auch keinen Grund, Dir selbst die Schuld zu geben.
Mythen-Check: Was löst keine Fehlgeburt aus?
Nach einer Fehlgeburt gehen viele im Kopf jeden einzelnen Tag noch einmal durch. Die Joggingrunde. Der Sex am Wochenende. Der Streit. Hier ein ehrlicher Faktencheck:
Sex: In einer unkomplizierten Schwangerschaft ist Sex nicht mit einem erhöhten Fehlgeburtsrisiko verbunden. Nur in bestimmten Situationen, etwa bei Blutungen oder nach mehreren Fehlgeburten, raten Ärzt*innen davon ab. Hattest Du keinen solchen Hinweis bekommen, gibt es keinen Grund, Dir wegen Sex Vorwürfe zu machen.
Sport und Bewegung: In einer Schwangerschaft ohne Komplikationen empfehlen Fachgesellschaften Bewegung sogar ausdrücklich. Große Auswertungen vieler Studien fanden kein erhöhtes Fehlgeburtsrisiko durch Sport.
Heben und Fliegen: Die Sorge, Heben im Alltag könne eine Fehlgeburt auslösen, zählen Fachleute zu den verbreiteten Irrtümern. Auch gelegentliches Fliegen gilt in einer unkomplizierten Schwangerschaft als sicher. Anders sieht es bei häufigem, schwerem Heben im Job aus: Hier fanden Studien ein erhöhtes Risiko. Deshalb schützt das Mutterschutzgesetz Schwangere am Arbeitsplatz vor schwerem Heben.
Stress: Ein Streit, ein anstrengender Arbeitstag, eine aufwühlende Nachricht: Dafür bist Du nicht verantwortlich. Ob anhaltende, starke Belastung das Risiko beeinflussen kann, ist wissenschaftlich nicht abschließend geklärt, die Studienlage ist widersprüchlich. So oder so darfst Du die Schuld nicht bei Dir suchen: Stressfaktoren sind extern, und wenn Du sie völlig kontrollieren könntest, wären sie oft ja keine Stressfaktoren für Dich.
Du hast Optionen: Abwarten, Medikamente oder Eingriff
Wenn beim Ultraschall festgestellt wird, dass sich die Schwangerschaft nicht weiterentwickelt hat, der Körper sie aber noch nicht abgestoßen hat, gibt es meist mehr als einen Weg. Die aktuelle medizinische Leitlinie für frühe Schwangerschaftsverluste nennt drei gleichwertige Möglichkeiten:
- Abwarten, bis der Körper die Schwangerschaft von selbst abstößt
- Medikamente, die den Abgang einleiten
- Ein kleiner operativer Eingriff, die Ausschabung (Kürettage)
In Deutschland wird trotzdem noch überwiegend operiert. Die Landesärztekammer Hessen hat kritisiert, dass Betroffene dadurch oft keine echte Wahl haben. Ein Grund: Die empfohlenen Medikamente sind für diesen Zweck nicht offiziell zugelassen, was den Zugang erschwert.
Welcher Weg für Dich passt, hängt von Deiner Situation ab und von Dir. Manche möchten, dass es schnell vorbei ist. Andere möchten den Abschied in Ruhe und zu Hause erleben. Du darfst Fragen stellen, nach Alternativen fragen und Dir Bedenkzeit nehmen, sofern medizinisch nichts dagegen spricht. Lass Dich ärztlich beraten und hol Dir gern zusätzlich ein*e Hebamme an die Seite.
Wichtig: Bei sehr starken Blutungen, Fieber, starken Schmerzen oder Kreislaufproblemen such bitte sofort ärztliche Hilfe oder ruf den Notruf 112.
Wie kannst Du mit einer Fehlgeburt umgehen?
Es gibt keinen einzigen richtigen Weg, eine Fehlgeburt zu verarbeiten. Manche fühlen sich danach tief traurig, andere wütend, leer oder vor allem erschöpft. Manche spüren sogar Erleichterung, zum Beispiel wenn die Schwangerschaft nicht geplant war. Alles davon ist okay. Gefühle können kommen und gehen und manchmal Monate später wieder auftauchen.
Diese Dinge können Dir helfen:
Gib Dir Zeit, auch körperlich: Dein Körper hat eine Hormonumstellung, eine Blutung und vielleicht einen Eingriff hinter sich. Du darfst Dich krankschreiben lassen, auch nach einer frühen Fehlgeburt.
Hol Dir ein*e Hebamme: Auch nach einer Fehlgeburt hast Du Anspruch auf Hebammenbetreuung, die Kosten trägt die Krankenkasse. Ein*e Hebamme kann Dich körperlich und emotional begleiten.
Finde Deinen Abschied: Manche geben ihrem verlorenen Kind einen Namen, pflanzen einen Baum, gestalten eine Erinnerungsbox oder zünden am 15. Oktober eine Kerze an. Rituale können Deinem Verlust einen Platz geben.
Sprich darüber, in Deinem Tempo: Eine vertraute Person, eine Selbsthilfegruppe oder ein Austausch mit Menschen, die Ähnliches erlebt haben, kann Dir zeigen, dass Du nicht allein bist.
Schreib es auf: Wenn Reden (noch) zu viel ist, kann ein Tagebuch oder ein Brief an Dein Baby helfen, Gedanken zu sortieren.
Schütz Dich vor Triggern: Schwangerschaftsankündigungen auf Social Media oder Schwangerschafts-Apps, die weiter Wochen-Updates schicken, können Dich unerwartet treffen. Du darfst stummschalten, entfolgen und löschen.
Nimm Dich ernst, wenn es nicht leichter wird: Eine Fehlgeburt kann sehr belastend sein. In einer Londoner Studie zeigten einen Monat nach einem frühen Verlust 29 % der Betroffenen Anzeichen einer posttraumatischen Belastung, nach neun Monaten noch 18 %. Wenn Dich Bilder, Ängste oder Niedergeschlagenheit nicht loslassen, bist Du nicht „zu empfindlich“. Dann ist es ein guter Moment, Dir professionelle Unterstützung zu holen, etwa über Hausarztpraxis, Beratungsstelle oder Psychotherapeut*in.
Sex und Intimität nach einer Fehlgeburt
Über dieses Thema wird noch seltener gesprochen, dabei beschäftigt es viele. Wann ist Sex wieder möglich? Was, wenn sich Lust und Nähe plötzlich ganz anders anfühlen als vorher?
Körperlich: Eine feste Regel gibt es nicht, und selbst Fachleute empfehlen Unterschiedliches. Während der Blutung ist das Infektionsrisiko leicht erhöht. Viele Hebammen raten deshalb, in dieser Zeit auf Sex zu verzichten oder zumindest ein Kondom zu benutzen. Ist die Blutung vorbei und Du fühlst Dich wohl, spricht medizinisch meist nichts dagegen. Nach einem Eingriff oder bei Komplikationen klärst Du das am besten individuell mit Ärzt*innen oder Hebamme.
Emotional: Hier ist die Spannbreite riesig. Manche sehnen sich schnell nach Nähe und Körperkontakt. Andere können sich Sex lange nicht vorstellen: Weil sich der eigene Körper fremd anfühlt, weil Sex eng mit dem Kinderwunsch verknüpft ist oder aus Angst vor einer neuen Schwangerschaft beziehungsweise einem neuen Verlust. Wer direkt wieder schwanger werden möchte, erlebt Sex manchmal sogar eher als Aufgabe denn als Genuss.
Ein paar Gedanken, die helfen können:
Nähe ist nicht gleich Sex: Kuscheln, sich halten, Massagen, gemeinsam einschlafen: Intimität hat viele Formen. Ihr dürft Euch langsam wieder herantasten.
Sprecht über Eure Bedürfnisse: Vielleicht wünscht sich eine*r von Euch Nähe und die*der andere eher Abstand. Unterschiedliche Bedürfnisse sind normal, aber sie müssen kommuniziert und respektiert werden, besonders wenn jemand Abstand möchte.
Kein Druck, keine Deadline: Weder für die Lust noch für eine neue Schwangerschaft. Dein Körper und Deine Gefühle geben das Tempo vor.
Für Partner*innen und Umfeld: Was hilft – und was nicht
Eine Fehlgeburt betrifft nicht nur die Person, die schwanger war. Auch Partner*innen trauern, oft nur leiser.
Wenn Du jemanden begleitest, der eine Fehlgeburt erlebt hat, musst Du nicht die perfekten Worte finden. Wichtiger ist, dass Du da bist.
Was helfen kann
- „Es tut mir so leid.“ Einfach, ehrlich, genug.
- „Wie geht es Dir damit?“ Auch Wochen und Monate später noch.
- Konkrete Hilfe statt „Melde Dich, wenn Du was brauchst“: Essen vorbeibringen, Einkäufe erledigen, Kinder betreuen.
- Den Verlust beim Namen nennen, und auch das Baby, wenn es einen Namen hat.
- Zuhören, ohne zu bewerten oder Lösungen anzubieten.
Was Du besser nicht sagst
- „Wenigstens war es früh.“
- „Wenigstens weißt Du jetzt, dass Du schwanger werden kannst.“
- „Sei froh, dass Du schon ein Kind hast.“
- „Du bist noch jung, das klappt bestimmt bald wieder.“
- „Alles passiert aus einem Grund.“
- „Wollt Ihr es denn bald wieder versuchen?“
Diese Sätze sind meist lieb gemeint. Aber sie machen den Verlust kleiner, als er sich anfühlt, oder sind im letzten Fall einfach übergriffig. Unser Tipp: Jeden Satz, der mit „wenigstens“ beginnt, noch einmal überdenken, bevor Du ihn äußerst.
Wenn Dir doch etwas Unpassendes herausgerutscht ist? Sprich es an. Ein „Das war unbedacht von mir, es tut mir leid“ kann anderen Menschen viel bedeuten.
Welche Rechte hast Du nach einer Fehlgeburt?
In Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan. Hier findest Du einen Überblick zu Deinen Rechten. Im Einzelfall helfen Dir Deine Krankenkasse, eine Beratungsstelle oder das Familienportal des Bundes weiter.
Krankschreibung: Egal in welcher Woche: Wenn Du körperlich oder seelisch nicht arbeitsfähig bist, kannst Du Dich krankschreiben lassen.
Mutterschutz ab der 13. Woche: Seit dem 1. Juni 2025 gibt es nach einer Fehlgeburt einen gestaffelten Mutterschutz. Ab der 13. Woche sind es bis zu zwei Wochen, ab der 17. Woche bis zu sechs Wochen und ab der 20. Woche bis zu acht Wochen. Wenn Du ausdrücklich arbeiten möchtest, kannst Du darauf verzichten.
Kündigungsschutz: Nach einer Fehlgeburt nach der zwölften Woche darf Dir vier Monate lang nicht gekündigt werden. Voraussetzung ist, dass Dein Arbeitgeber von der Fehlgeburt weiß oder spätestens zwei Wochen nach einer Kündigung davon erfährt.
Hebammenhilfe: Sie steht Dir auch nach einer Fehlgeburt zu, die Kosten übernimmt die Krankenkasse.
Bestattung und Beurkundung: In allen Bundesländern ist auch nach einer Fehlgeburt eine Bestattung möglich. Häufig gibt es kostenfreie Gemeinschaftsbestattungen. Außerdem kannst Du die Fehlgeburt beim Standesamt beurkunden lassen, auch nachträglich.
Der neue Mutterschutz ist ein wichtiger Schritt. Es gibt aber auch Kritik: Für Fehlgeburten bis zur zwölften Woche gilt er nicht, also für die allermeisten Betroffenen. Und privat versicherte Selbstständige sind davon ausgenommen.
Hoffnung nach einer Fehlgeburt
Hoffnung kann nach diesem Verlust verschiedene Formen annehmen. Für manche heißt das: wieder schwanger werden. Für andere, dass der Schmerz sich verändert. Viele Betroffene beschreiben, dass die Trauer mit der Zeit leiser wird, auch wenn sie vielleicht nie ganz verschwindet.
Wenn Du Dir wieder ein Baby wünschst: Eine einmalige Fehlgeburt bedeutet nicht, dass weitere folgen. Viele erleben nach einer Fehlgeburt eine erfolgreiche Schwangerschaft. Wie hoch das tatsächliche Risiko für einen weiteren Verlust ist, hängt von verschiedenen Faktoren ab.
Wann Du es wieder versuchen kannst: Hier widersprechen sich die Empfehlungen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) rät, nach einer Fehlgeburt mindestens sechs Monate zu warten. Eine große norwegische Studie mit rund 49.000 Geburten nach einer Fehlgeburt fand dagegen kein erhöhtes Risiko für Komplikationen wie Frühgeburt, Präeklampsie oder Schwangerschaftsdiabetes, wenn Betroffene innerhalb von drei Monaten wieder schwanger wurden. Ob Du gleich wieder bereit bist oder Dir mehr Zeit lässt: Beides ist in Ordnung. Wichtig ist, dass Du auf Dein Gefühl hörst und es ernst nimmst, wenn medizinische Gründe gegen einen schnellen Neuversuch sprechen.
Wenn es mehrmals passiert: Nach wiederholten Fehlgeburten kann eine gezielte Abklärung sinnvoll sein. Die überarbeitete deutsche Leitlinie empfiehlt sie teilweise schon nach zwei statt erst nach drei Verlusten. Dabei rückt erstmals auch die Spermienqualität stärker in den Blick, zum Beispiel Schäden an der Spermien-DNA. Sei vorsichtig bei Behandlungsangeboten ohne klare Diagnose: Manche Therapien, die etwa in Foren empfohlen werden, sind laut Fachgesellschaften ohne konkreten Befund nicht angezeigt. Lass Dich am besten in einer spezialisierten Sprechstunde beraten.
Wenn Du wieder schwanger bist: Viele erleben die nächste Schwangerschaft mit großer Angst. Das ist verständlich und heißt nicht, dass Du Dich nicht freust. Es zeigt nur, wie wichtig Dir Deine Schwangerschaft ist. Sprich Deine Sorgen offen an. Du musst sie nicht allein tragen.
Hier findest Du Hilfe
Du musst da nicht allein durch. Diese Anlaufstellen begleiten Menschen nach einer Fehlgeburt:
Initiative REGENBOGEN „Glücklose Schwangerschaft“ e. V.
Selbsthilfegruppen und Ansprechpartner*innen in Deiner Nähe, Kontakt zu anderen betroffenen Eltern
Bundesverband Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister in Deutschland e. V.
Trauerbegleitung und regionale Gruppen
pro familia
Beratung nach Fehlgeburt, in der Regel kostenlos
Hebamme
Körperliche und emotionale Begleitung, Kosten übernimmt die Krankenkasse
TelefonSeelsorge
Gespräche rund um die Uhr: 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123
Familienportal des Bundes
Informationen zu Mutterschutz und Rechten
Das Wichtigste in Kürze
- Fehlgeburten sind häufig: Rund 15 % der erkannten Schwangerschaften enden so.
- Meist steckt eine zufällige genetische Ursache dahinter. Du hast mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nichts falsch gemacht.
- Du hast Optionen: Abwarten, Medikamente oder ein Eingriff sind laut Leitlinie gleichwertige Wege.
- Über eine Fehlgeburt zu sprechen ist schwer, kann aber entlasten und anderen Mut machen. Wann und mit wem, entscheidest Du.
- Viele erleben nach einer Fehlgeburt eine erfolgreiche Schwangerschaft.
- Du musst da nicht allein durch: Hebammen, Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen sind für Dich da.
Häufige Fragen zur Fehlgeburt
Ist eine Fehlgeburt meine Schuld?
Nein. In der Regel lässt sich eine Fehlgeburt weder von der schwangeren Person noch von Ärzt*innen verhindern. Die häufigste Ursache in den ersten zwölf Wochen sind zufällige Unregelmäßigkeiten in den Erbanlagen.
Wie häufig sind Fehlgeburten?
Rund 15 % aller erkannten Schwangerschaften enden in einer Fehlgeburt. Sehr frühe Verluste bleiben oft unbemerkt, deshalb liegt die tatsächliche Zahl vermutlich höher.
Wann kann ich nach einer Fehlgeburt wieder Sex haben?
Eine feste Regel gibt es nicht. Während der Blutung ist das Infektionsrisiko leicht erhöht, viele Hebammen raten in dieser Zeit zu Verzicht oder zu Kondomen. Danach entscheidest vor allem Du, wann Du Dich bereit fühlst. Allerdings ist es sinnvoll, Dich dazu ärztlich beraten zu lassen.
Wann kann ich nach einer Fehlgeburt wieder schwanger werden?
Körperlich ist das oft schon bald möglich. Die WHO empfiehlt sechs Monate Pause, neuere Studien fanden bei kürzeren Abständen aber kein erhöhtes Risiko. Sprich am besten mit einer ärztlichen Fachperson oder Hebamme darüber.
Habe ich nach einer Fehlgeburt Anspruch auf Mutterschutz?
Ab der 13. Schwangerschaftswoche ja: gestaffelt bis zu zwei, sechs oder acht Wochen. Bei einer früheren Fehlgeburt kannst Du Dich krankschreiben lassen.
(Bild: Kylli Kittus/Unsplash)