Demisexuell – keine halbe Sache, sondern ein ganzes Spektrum!

Demisexuell - ein Paar hält Hände im Bett
(Bild: Sinitta Leunen/Unsplash)

Pansexuell, skoliosexuell, asexuell … Sexualität ist breit gefächert und bunt wie der Regenbogen – und immer wieder entdecken wir neue Nuancen. Doch was viele nicht wissen: Auch in der sexuellen Grauzone, also innerhalb des Asexualitätsspektrums, finden sich sehr viele unterschiedliche Ausprägungen und Abstufungen. Eine davon ist Demisexualität. Wir beleuchten, was sich hinter diesem Begriff genau versteckt – und was nicht. Denn das ist genauso wichtig, um zu verstehen, was demisexuell zu sein bedeutet.

Die wichtigsten Begriffe erklärt:

Asexualität: Asexuelle Menschen verspüren keine oder nur wenig sexuelle Anziehung zu anderen Menschen.

Allosexualität: Allosexuelle Menschen haben grundsätzlich sexuelles Interesse an anderen Menschen, somit ist Allosexualität das Gegenteil von Asexualität.

Grausexuell: Grausexuelle Menschen verspüren nur selten oder unter spezifischen Umständen sexuelle Anziehung zu anderen.

 

Demisexuell – fertig mit Halbwissen!

Der Begriff „demisexuell“ leitet sich vom Französischen „demi“ („halb“) ab. Haben demisexuelle Menschen also halb so viel Sex wie andere? Mit halb so vielen Menschen? Oder haben sie gar nur halb so viel Spaß dabei? Natürlich nicht. Demisexuelle Menschen verspüren aber nicht die volle sexuelle Anziehung, wie andere Menschen es tun, und bewegen sich deshalb in der Mitte zwischen Asexualität und Allosexualität (siehe Begriffserklärung oben). Diese beiden Pole sind nicht einfach schwarz und weiß und klar voneinander getrennt. Vielmehr findet sich zwischen ihnen ein breites Spektrum, auf dem sich unter anderem auch Grausexualität verorten lässt. Demisexualität unterscheidet sich davon aber noch etwas. Um sie richtig zu verstehen, ist es wichtig, zuerst die Unterscheidung zwischen primärer und sekundärer sexueller Anziehung zu kennen.

Liebe auf den ersten, zweiten oder fünfzigsten Blick?

Primäre sexuelle Anziehung bezieht sich auf alle direkt erkennbaren Merkmale einer Person, also beispielsweise das Aussehen und die Ausstrahlung, die Stimme, Bewegungen oder auch der Kleiderstil. Sekundäre sexuelle Anziehung entwickelt sich erst beim genaueren Hinschauen, also wenn sich beim persönlichen Kennenlernen Charakter oder Eigenschaften wie Humor oder Intelligenz entfalten. Durch die dabei wachsende Nähe entwickelt sich zwischen Menschen auch eine Bindung. All diese Faktoren können ebenfalls zu einer sexuellen Anziehung führen – oder die vorhandene Attraktion noch verstärken.

Vielleicht kommt Dir die Situation bekannt vor: Diese eine Person betritt den Raum und Du bist sofort hin und weg. Diese unglaubliche Ausstrahlung, die Augen, in denen Du versinken möchtest und dazu eine Stimme, die Dich weich wie Butter werden lässt … Hach! Nachdem ihr dann ein paar Worte gewechselt habt, merkst Du, dass ihr voll auf einer Wellenlänge seid und genau den gleichen Humor habt. Je mehr Du diesen Menschen kennenlernst, desto stärker fühlst Du Dich zu ihm hingezogen. Demisexuelle Personen erleben diese Attraktion auf den ersten Blick aber nicht, sondern entwickeln nur eine sekundäre sexuelle Anziehung. Ein sexuelles Interesse an anderen wächst erst, wenn sie sie kennengelernt und eine starke Bindung zu ihnen aufgebaut haben. So etwas wie Liebe auf den ersten Blick ist für demisexuelle Menschen also undenkbar.

Anzeichen für Demisexualität

Kannst Du Dich nicht mit der oben beschriebenen Situation identifizieren? Dann könnte das ein Anzeichen dafür sein, dass Du demisexuell bist. Vielleicht kommen Dir auch einige der folgenden Szenarien bekannt vor, die demisexuelle Menschen oft erleben.

Du hattest bisher noch nie wirklich Crushes

Während der Teeniezeit haben andere ihre berühmten Idole angehimmelt. Du konntest das aber nie so richtig nachvollziehen, weil Du diese Menschen ja gar nicht persönlich kanntest. Wenn Dich ein Star richtig begeistert hat, dann höchstens, weil Du Dich sehr intensiv mit dieser Person auseinandergesetzt hast, Du deren Persönlichkeit toll fandest und so eine Art Bindung zu ihr aufgebaut hast.

One-Night-Stand? Nein Danke

Die Vorstellung, jemanden in einer Bar kennenzulernen, um kurz darauf gemeinsam zu verschwinden, um Sex zu haben, löst bei Dir nicht Aufregung, sondern eher Unwohlsein aus. Oder vielleicht hattest Du schon mal einen One-Night-Stand und hast danach festgestellt, dass Dir dabei etwas gefehlt hat.

Pornos geben Dir nichts

Pornos anzuschauen löst in Dir nichts aus, und zwar nicht, weil Dir ein gewisses Genre nicht gefällt, sondern weil es Dich grundsätzlich nicht anmacht, fremden Menschen beim Sex zuzusehen.

Du warst ein*e Spätzünder*in

Die anderen aus Deiner Klasse haben irgendwann angefangen, sich sexuell für andere zu interessieren. Alle wollten plötzlich knutschen und Sex haben, aber bei Dir war dieses Bedürfnis nicht da, oder nur gegenüber sehr wenigen Menschen, denen Du Dich verbunden gefühlt hast.

Menschen werden für Dich plötzlich attraktiv

Immer wieder werden Menschen aus Deinem Umfeld plötzlich sexy, obwohl da zu Beginn gar nichts war? Je besser Du mit einer Person befreundet bist, umso attraktiver erscheint sie Dir oft? Wenn Dir das häufiger passiert, kann das ein Anzeichen sein, dass Du nur sekundäre Anziehung empfindest.

Du genießt Sex, aber nur in bestimmten Situationen

Du hattest guten und erfüllenden Sex, aber ausschließlich mit Menschen, denen Du Dich sehr nah gefühlt hast. Eigentlich kannst Du Dir auch gar nicht vorstellen, dass Du Sex mit jemandem genießen könntest, den Du nicht gut kennst oder nicht sehr magst.

Demisexuell – die häufigsten Vorurteile

Demisexualität ist kein neues Phänomen, aber eines, worüber erst seit kurzer Zeit immer mehr bekannt wird. Deshalb gibt es viele Missverständnisse und Unklarheiten dazu und demisexuelle Menschen sind im Alltag immer noch mit vielen Vorurteilen konfrontiert:

„Demisexuelle müssen in einer Beziehung sein, um Sex zu haben”

Das kann auf einige zutreffen, greift aber zu kurz. Demisexuelle Menschen müssen zwar eine starke emotionale Bindung zu jemandem haben, um sich sexuell angezogen zu fühlen, das muss aber nicht unbedingt eine romantische Bindung sein. Für die einen entwickelt sich sexuelles Begehren erst innerhalb einer festen romantischen Beziehung, andere können sich auch vorstellen, mit guten Freund*innen Sex zu haben.

„Demisexuell sein bedeutet einen niedrigen Sex-Drive zu haben”

Demisexualität wird zwar auf dem asexuellen Spektrum verortet, doch das muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass Demisexuelle weniger Lust auf Sex haben. Es gibt durchaus auch Demisexuelle, die gerne und oft Sex haben – solange sie eine starke Bindung zum Gegenüber haben. Allerdings scheint es so, dass viele tatsächlich weniger Lust auf Sex haben als allosexuelle Menschen.

„Demisexuelle masturbieren nicht”

Auch das muss nicht der Fall sein. Einige Demisexuelle empfinden vielleicht nur sexuelle Erregung mit anderen Personen, andere haben auch gerne Solosex und fantasieren dabei beispielsweise von ihrem Babe.

„Demisexualität ist eine Entscheidung”

Einige Menschen wollen keinen Sex beim ersten Date und warten lieber, bis sie eine Person besser kennen, bevor sie mit ihnen schlafen. Das bedeutet aber nicht, dass sie deshalb demisexuell sind. Es ist denkbar, dass sie eigentlich Lust auf Sex hätten und sich aus anderen Gründen dagegen entscheiden. Demisexualität hingegen ist eine sexuelle Orientierung und diese ist niemals eine Entscheidung.

„Demisexuelle Menschen sind prüde, verklemmt und kalt“

Solche Wertungen sind ganz generell sehr problematisch und niemand sollte dafür verurteilt werden, ein weniger ausgeprägtes sexuelles Interesse zu haben. Demisexualität – und jede andere Form von Asexualität – sind schlicht eine von unzähligen verschiedenen Ausprägungen von Sexualität. Es gibt verschiedene Gründe, keines oder weniger (oder ein anders ausgeprägtes) sexuelles Interesse an anderen Menschen zu haben. Vielleicht ist es schlicht eine genetische Disposition oder vielleicht stecken dahinter sogar traumatische sexuelle Erlebnisse. Als außenstehende Person ist dies nicht zu beurteilen. Aber Wertungen darüber sind in jedem Fall verletzend und übergriffig.

Demisexuell: (mindestens) 50 Shades Of Grey

Sexualität hat viele Formen und Farben und die Grenzen dazwischen sind oftmals fließend – das gilt auch für Demisexualität. Eigentlich passt „50 Shades of Grey” auch viel besser zu dieser Thematik als zu BDSM, denn die Ausprägungen von demisexueller Lust sind tatsächlich ein breites Grauspektrum. Es gibt demisexuelle Menschen, die generell einfach wenig Lust verspüren und nur selten mit ihrem Babe Sex haben und ihre gemeinsame Zeit lieber ganz anders genießen. Aber demisexuelle Menschen können ebenso regelmäßig leidenschaftlichen Freundschaft-Plus-Sex haben und Spaß dabei haben. Wie immer gilt: Gut ist, was sich gut anfühlt.

Geschrieben von
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