Pansexuell: Liebe ohne Geschlechterschranken

pansexuell

„Ich verschwende keinen Gedanken daran, ob jemand ein Junge oder ein Mädchen ist.“ Diesen Satz äußerte Miley Cyrus im vergangenen Jahr gegenüber dem Magazin Variety und erklärte, dass sie weder hetero, noch lesbisch oder bi sei – sie sei pansexuell. Doch was ist das eigentlich?

Pansexuell – Liebe kennt keine Grenzen

Die Klatschblätter sind voll von Meldungen über die Sängerin Miley Cyrus („Wrecking Ball“) und das Liebes-Comeback mit dem Schauspieler und On/Off-Freund und Ex-Verlobten Liam Hemsworth („Die Tribute von Panem“). So weit, so gut. Miley war aber auch schon mit Frauen zusammen. Ihre erste Liebesbeziehung führte sie mit einer. Wie sie im Interview erklärte, verstand sie sich damals aber nicht als homo- oder heterosexuell und das Wort „bisexuell“ habe sie schon immer gehasst, weil es sie in eine Schublade stecke. Aber was ist sie dann? Nach eigenen Angaben ist Miley Cyrus pansexuell. Sie liebt Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht.

Der Begriff Pansexualität stammt ursprünglich von Otto F. Kernberg (*10.09.1928), einem Wiener Psychoanalytiker. Er bezeichnet in der Psychiatrie ein diagnostisches Symptom der Borderline-Persönlichkeitsstörung. Die Neurologie bezeichnete Pansexualität als ein vielseitiges sexuelles Interesse, das sogar Tiere und Objekte einschließen kann. Beide Definitionen stehen jedoch in keinerlei Verbindung zu der heutigen und sind explizit davon abzugrenzen! Sämtliche Pathologisierungen von Sexualitäten, also die Deutungen von Verhaltensweisen, Empfindungen, Gedanken oder zwischenmenschlichen Beziehungen als krankhaft oder gestört, sind beleidigend und gerade in der LGBT-Gemeinschaft (lesbian, gay, bisexual, transgender) sehr schmerzhaft. Der Begriff „Pansexualität“ wurde im Laufe der Jahre soweit umgedeutet, dass er die heutige Definition hat und die Community ihn für ihre Sexualität adaptiert und eindeutig positiv besetzt hat.

„Pan“ ist eine griechische Vorsilbe und heißt soviel wie „alles, gesamt“. Pansexualität (auch Omnisexualität) ist damit eine sexuelle Orientierung oder sexuelle Identität, die alle Menschen mit einbezieht und keine Geschlechterschranken kennt. Damit unterscheiden sich pansexuelle Menschen von bisexuellen („bi“ gleich zwei) Menschen, deren Präferenz gleichermaßen auf das männliche und weibliche Geschlecht zielt.* Pansexualität bezieht neben den klassischen Geschlechtern Frau und Mann auch Transgender, Transsexuelle und Intersexuelle mit ein. Für eine Beziehung oder sexuelle Abenteuer kommen für einen pansexuellen Menschen alle Geschlechter und Geschlechtsidentitäten infrage. Wer pansexuell liebt, liebt also frei von Geschlechtergrenzen.

„Ich habe es nie geliebt, ein Mädchen zu sein“

Während die meisten Menschen entweder auf Männer oder Frauen stehen und sich auch als eins von beiden nach ihrem biologischen Geschlecht definieren, ist das für andere nicht ganz so einfach. Ein Transgender kann sich nicht mit seinem biologischen Geschlecht identifizieren. Er wurde beispielsweise als Frau geboren, fühlt sich aber als Mann. Ein intersexueller Mensch kann genetisch, anatomisch oder hormonell nicht eindeutig dem weiblichen oder dem männlichen Geschlecht zugeordnet werden. Miley Cyrus fühlt sich gar keinem Geschlecht zugehörig. „Ich habe es nie geliebt, ein Mädchen zu sein. Und ein Junge zu sein, klang auch nicht nach Spaß“, sagte sie gegenüber Variety.

Der Besuch in einem Zentrum für Schwule, Lesben und Transsexuelle habe ihr die Augen geöffnet. Sie habe dort jemanden getroffen, der sich weder als männlich noch als weiblich begriffen habe. „Ich habe mich dieser Person verbundener gefühlt, als allen anderen Menschen in meinem Leben“, erklärt Cyrus. An diesem Punkt habe sie verstanden, warum sie sich nicht hetero- oder homosexuell gefühlt habe: „Als ich erst einmal mein eigenes Geschlecht mehr verstanden habe, das unbestimmt war, habe ich auch meine Sexualität mehr verstanden. Es war wie ‚Oh – deshalb fühle ich mich nicht hetero oder homo. Weil ich es nicht bin.“

Pansexualität vs. Polyamorie

Für Miley Cyrus spielt demnach das Geschlecht ihres Partner sowie das eigene keine Rolle. Das muss aber nicht sein. Pansexuell können auch Menschen sein, die bespielsweise als Frau geboren wurden und sich auch als eine solche fühlen und definieren (Cisgender). Diese sexuelle Orientierung oder Identität bezeichnet nur den Umstand, sich theoretisch von Menschen aller Geschlechter angezogen zu fühlen. Ob weiblich, männlich, trans, gender fluid oder gender neutral – pansexuell kann jeder sein.

Pansexualität sollte aber nicht mit Polyamorie verwechselt werden! Nur weil theoretisch die Möglichkeit besteht, sich in alle Geschlechter zu verlieben, muss das praktisch überhaupt nicht der Fall sein. Viele pansexuelle Menschen leben in monogamen Beziehungen. Oftmals haben sie noch nicht einmal Liebesbeziehungen zu Menschen verschiedener Geschlechter geführt, sondern würden dies für sich lediglich nicht ausschließen. Bei polyamoren Menschen hingegen besteht der Wunsch, mehrere Partner gleichzeitig zu haben, weil sie sich in monogamen Beziehungen nicht ausgefüllt fühlen. Polyamorie ist ein alternativer Lebens- und Liebesentwurf zur Monogamie und keine sexuelle Orientierung oder Identität.

Da Pansexuelle „geschlechtsblind“ sind, ist auch eine Gender-neutrale Sprache oft (nicht immer) gewünscht. Im Englischen werden häufig die Begriffe „Lover“, „Significant Other“ „Boo“, „Bae“ oder schlicht „Partner“ statt „Girlfriend“ oder „Boyfriend“ dafür benutzt. In der deutschen Sprache sind geschlechtsneutrale Wörter schwieriger zu finden – z.B. sind „Lover“ und „Partner“ hierzulande Maskulina. Neben der „Bezugsperson“ oder der „besseren Hälfte“ haben sich zuletzt die Worte „Herzensmensch“ oder „Lieblingsmensch“ etabliert.

Pansexualität – eine Modeerscheinung?

Sängerin Miley Cyrus ist bei Weitem nicht die einzige Prominente, die offen zu ihrer Pansexualität steht. Auch Shailene Woodley („Divergent“, „The Fault in our Stars“) erklärte bereits: „Ich verliebe mich in Menschen basierend darauf, wer sie sind und nicht darauf, was sie tun oder welches Geschlecht sie haben.“ Die Schauspielerin Raven-Symoné („Bill Cosby Show“) erklärte in einem Interview mit Oprah, dass sie sich seit sie 12 Jahre alt war, zu Frauen hingezogen fühle, aber dennoch nicht „lesbisch“ ist. Sie ist „ein Mensch, der Menschen liebt“ und möchte nicht in eine Schublade gesteckt werden.

Obwohl sich nach und nach mehr Menschen offen zu ihrer Pansexualität bekennen, kann man keineswegs von einer Modeerscheinung sprechen. Menschen suchen sich schließlich nicht aus, pansexuell zu sein – sie sind es. Dass wir in den letzten Jahren vermehrt von einer Sache hören, heißt nicht, dass sie neu ist, sondern dass sie nun Teil des öffentlichen Diskurses ist. Einige Sozialwissenschaftler sprechen von einer neuen sexuellen Revolution, der größten seit der sogenannten „freien Liebe“ in den 60er- und 70er-Jahren.

Pansexualität ist also auch eine Bewegung, der sich nach und nach mehr Menschen offen anschließen. Während allerdings der Begriff „Bisexuell“ bereits in der LGBT-Community einen festen Platz im Buchstabensalat gefunden hat, ist Pansexualität noch „unsichtbar“. Um niemanden aus der Gruppe, deren Gemeinsamkeit die Nicht-Heteronormativität ist, auszuschließen, werden jedoch Sternchen an die Abkürzung angehängt (Bsp. LSBTTI*).


* Eine offenere Definition von Bisexualität unterstreicht, dass bi mehr als zwei ist. In dieser bedeutet Bisexualität, sowohl gleichgeschlechtlich als auch andersgeschlechtlich zu lieben – jedoch nicht nur Männer oder Frauen.

 

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