„Ich wünsche mir von der Gesellschaft Offenheit gegenüber jeglicher Sexualität.“

Trans*person Jonathan
Im Gespräch mit Trans*Person Jonathan, 27.

Der Transgender Day of Visibilty soll jährlich am 31. März den Kampf von trans* und gendernonkonformen Menschen für mehr Selbstbestimmung und gesellschaftliche Akzeptanz würdigen. Ebenso soll darauf aufmerksam gemacht werden, was gesellschaftlich und politisch in unserem Land und weltweit noch getan werden muss, um gleiche Rechte für trans*Personen zu erreichen.

Wir haben mit der Trans*Person Jonathan (27 Jahre) gesprochen und gefragt, was er sich konkret von der Gesellschaft wünscht.

AMORELIE: Wann hast Du gemerkt, dass Deine Identität nicht mit dem Geschlecht übereinstimmt, mit dem Du geboren wurdest?

Jonathan: Ich habe es relativ spät bemerkt. Ich war schon immer burschikos, aber ich wurde von meinem Umfeld immer akzeptiert. Da war es eher komisch, dass ich versuchte in das klassische feminine Bild zu passen. Mir wurde gesagt „Jenni (so war mein Mädchenname), geh wieder nach Hause, das bist nicht du!“. Natürlich habe ich das ein oder andere Mal Mobbing erfahren, mit Schimpfwörtern wie „Zwitterkind“ oder „Mannsweib“, aber da habe ich so gut es geht versucht drüberzustehen. Ich habe viel Sport gemacht (Fußball auch beim FC Bayern München 2. Bundesliga), aber mein Körper hatte erst die Gelegenheit weibliche Merkmal auszubilden, als es mit dem Sport weniger geworden ist. Dann stand ich vor dem Spiegel und wollte mir am liebsten meine Brüste abreißen und meine Hüften abschleifen. Das war mit 19 oder 20 Jahren.

Wie war Dein Weg zu dieser Erkenntnis?

Diese Erkenntnis habe ich dank meiner heutigen Frau erfahren. Ich wusste nicht wirklich, was mit mir los ist. Ich hatte kein Wort dafür. Erst als ich mich ihr anvertraut habe, wie es mir geht, hat sie die Möglichkeit aufgezeigt, dass man die Brust operativ entfernen kann. Mit dieser Information habe ich mich in die Weiten des Internets begeben und das Wort „Transgender“ gefunden. Mehr und mehr Eigenschaften konnte ich mit einem klaren „Ja!“ für mich beantworten und somit habe ich mich auf den Weg begeben.

Sie hatte Schwierigkeiten, die nun richtigen Pronomen zu verwenden, aber da hatte ich natürlich Nachsicht!

Wie ist Dein Umfeld mit Deinem Weg und Deinen Entscheidungen umgegangen?

Mein Umfeld hat es sehr angenehm aufgenommen. Ich wurde positiv bestärkt. Meine Mutter hatte sehr starke Schwierigkeiten. Erst als wir ein inniges Gespräch (auch mit meinem Vater) führten, wurde ihr klar, dass sie entweder ein glückliches Kind oder bald kein Kind mehr haben wird, wenn sie weiterhin negativ gegenüber diesem Thema ist. Für sie war es fremd und wir haben einige Gespräche geführt, was ihr geholfen hat. Sie hatte Schwierigkeiten, die nun richtigen Pronomen zu verwenden, aber da hatte ich natürlich Nachsicht! Ich kann das nicht von einem auf den anderen Tag von ihr verlangen. Heute haben wir ein immer noch sehr gutes und inniges Verhältnis! Und ich liebe meine Mom! 🙂

Gab es einen besonderen Schlüsselmoment auf Deinem Weg? 

Der Schlüsselmoment war eigentlich der oben beschriebene Weg, mit der Suche im Internet. Und den Eigenschaften manch anderer Transmänner, die ich auf Facebook kennengelernt habe.

Hattest Du bereits eine hormonelle Behandlung und/oder geschlechtsangleichende Operation(en)? Wenn ja, wie war Dein erstes Gefühl danach?

Ich bin seit 2016 auf Testosteron und hatte meine Brust O.P. im Jahr 2017. Das war das Wichtigste für mich! Ich musste mit den Hormonen noch ein wenig warten, weil es genau das Jahr meines Abiturs war und ich Sportabitur gemacht habe. Hätte ich die Hormone vorher schon genommen, wäre es evtl. Doping gewesen (auch wenn ich mich dann nach der weiblichen Tabelle hätte werten lassen). Hätte ich mich nach der Männertabelle werten lassen, wäre ich bei einer Note im Bereich zwischen 5 und 6 rausgekommen, das wollte ich nicht. Deswegen hat es sich um zwei bis drei Monate verzögert. Aber der erste „Schuss“ war der Hammer! Die Veränderungen kamen ruckzuck. Bereits nach 3 Wochen kam ich in den Stimmbruch und die Muskeln sind auch immer stärker geworden. Die zweite Freiheit war die Brust O.P. (Mastektomie). Das war ein wirkliches Gefühl von Freiheit! Ich bin so glücklich darüber!

Wo fühlst Du Dich sicher?

Überall! Denn ich halte es nicht zurück, wer ich bin. Ich bin offen, jedem gegenüber, somit biete ich die geringste Angriffsfläche. Jeder kann mich alles fragen, nur somit kann ich die Sensibilität dieses Themas in der Gesellschaft erhöhen.

Ich bin offen, jedem gegenüber, somit biete ich die geringste Angriffsfläche.

Welche Challenges durchlebst Du, privat oder im Liebes-/Sexleben?

Die einzige Challenge, der ich begegne, ist, dass ich (noch) nicht nackt in der Sauna oder im FKK Bereich sein kann. Die Blicke wären dann doch etwas zu seltsam und das traue ich mich nicht. Im Liebesleben ist alles perfekt, da ich eine bezaubernde und vollkommen liebevolle Frau in meinem Leben habe, die mich so akzeptiert wie ich bin und mich mit all meinen Fasern liebt. 🙂 

Haben Dir Sextoys dabei helfen können, Deine Sexualität neu zu erforschen?

Ich bin sexuell sehr offen, was Sextoys angeht. Hilfsmittel sind natürlich von Vorteil 🙂 Und erleichtern das eine oder andere.

Was wünschst Du Dir von der Gesellschaft?

Ich wünsche mir von der Gesellschaft Offenheit gegenüber jeglicher Sexualität. Lasst die Menschen so leben, wie sie möchten. Leben und leben lassen. Die Menschen sind so viel glücklicher und haben Freude am Leben!

Liegt Dir noch etwas auf dem Herzen, das Du gerne mit uns teilen möchtest?

Ich möchte mich bei allen bedanken, die mich auf meinem Weg begleitet und unterstützt haben! Ich kann heute derjenige sein, der sich vollkommen und wohlfühlt! Danke!

Geschrieben von
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