Ausgangssperre – eine Chance für Paare und Singles? Interview mit einem Psychologen

Und plötzlich, ohne dass wir uns darauf vorbereiten konnten, ist alles anders. Die Corona-Krise stellt unser aller Leben auf den Kopf. Quarantäne, Ausgangssperre, Home Office. Hauptsache zu Hause sein – das ist, was jetzt zu tun ist. Für Paare, die zusammenwohnen, kann diese Zeit Nährboden für Konflikte sein. Das muss es aber nicht, meint Beziehungspsychologe Wieland Stolzenburg. Jetzt sei Gelegenheit, die Beziehung zu vertiefen. Und auch für Singles eröffnet diese Situation Raum, sich weiterzuentwickeln. Ein Interview.

AMORELIE: Mit dem Partner bzw. der Partnerin “eingesperrt” zu sein, scheint viel zu fordern – aber was genau macht die Situation so schwierig und wo liegt Streitpotenzial? 

Wieland Stolzenburg: Ich denke als Basis sollte sich jedes Paar zunächst verdeutlichen, dass sie sich in einer neuen, teils extremen Situation befinden und nicht erwarten dürfen, dass jederzeit alles einfach und easy läuft. Alle Paaren sind bei großen äußeren und inneren Veränderungen immer dazu aufgefordert, an sich und der Beziehung zu arbeiten. Ja, Beziehung bedeutet Arbeit und gerade in einer solchen angespannten Situation werden wir alle mit Herausforderungen konfrontiert.

In quarantäneähnlichen Zuständen werden alle Paare genau mit den Dingen konfrontiert, welche sie bisher in der Beziehung aus dem Weg gegangen sind oder welche bisher nicht aufgefallen sind, weil viel Ablenkung oder wenig gemeinsame Zeit vorhanden war. Und das ist eine tolle Chance, die Beziehung zu stärken und als Paar mehr zusammenzuwachsen. Es gilt also den Fokus weg von den negativen Bewertungen der Situation zu lenken, raus aus einer möglichen Opferhaltung, hin zu den Chancen und Möglichkeiten – und diese zu nutzen.

AMORELIE: Wie können Paare am besten eine mehrwöchige Ausgangssperre überstehen?

Wieland Stolzenburg: Es gibt viele Ebenen, die Paaren helfen können einen Lockdown besser zu überstehen: Kommunikation auf Augenhöhe, Kompromissbereitschaft und die Fähigkeit, seine Emotionen mit sich selbst auszumachen. Da man darüber ein ganzes Buch schreiben könnte, möchte ich euch drei konkrete und leicht umzusetzende Möglichkeiten mitgeben:

  1. Dankbarkeit
    Jeder schreibt abends 7 Dinge auf, für welche er dem Partner dankbar ist, was dieser gemacht, gesagt oder getan hat. Lest euch die Punkte vor oder schenkt euch die Zettel. Täglich wiederholen.
  2. Konflikte
    Wenn es emotional wird, kommt zum Schweigen und nehmt euch 3 Minuten in den Arm, ohne Worte. Danach könnt ihr entscheiden, ob es wichtig ist das Thema weiter zu besprechen oder eben nicht. Wenn ihr nach dem Umarmen noch emotional seid und das Thema Gesprächsbedarf hat, verschiebt es einige Stunden oder Tage nach hinten. Bis ihr beide wieder mit Offenheit dem anderen begegnen könnt und nicht mehr eine feindliche Stimmung in euch gegenüber eurem Partner habt. Denn Konflikte lassen sich nie wirklich nachhaltig lösen, wenn beide Partner emotional sind!
  3. Bedürfnisse
    Macht euch selbst bewusst, was eure Bedürfnisse sind. Schreibt morgens eure 3 wichtigen Bedürfnisse und Wünsche für diesen Tag auf und teilt sie euch gegenseitig mit. Es geht dabei nicht darum, dass der andere diese Bedürfnisse erfüllen muss, denn es sind Wünsche und keine Verpflichtungen. Doch damit könnt ihr eurem Partner deutlich machen, was für euch heute wichtig ist und erfahrt zudem, was ihm am Herzen liegt. Im besten Fall wartet ihr nicht darauf, dass eurer Partner damit anfängt, euch die Dinge zu geben. Vielmehr werdet ihr beide am meisten davon profitieren, wenn ihr selbst anfangt und gerne eurem Partner etwas gebt.

Zu Hause wegen Corona - was jetzt?

AMORELIE: Und umgekehrt – für Singles bricht eine möglicherweise lange Dating-freie Zeit an. Was raten Sie ihnen, um bei Laune zu bleiben?

Wieland Stolzenburg: Singles können die Corona-Zeit als etwas Störendes ansehen oder die Perspektive wechseln und es als Chance sehen. Einige Beispiele möchte ich dabei nennen:

Vielleicht ist es für einige Singles wichtig, sich innerlich noch vom Ex-Partner zu verabschieden und daran zu arbeiten. Für andere mag es vielleicht um die Erkenntnis gehen, dass sie das Lebensglück und die Zufriedenheit nicht in einer Partnerschaft suchen sollten, sondern zunächst bei sich selbst und ihrem eigenen Leben. Andere mögen davon profitieren, dass sie vielleicht nach einer langen Zeit eines vollen Terminkalenders, Stress im Job etc. wieder einmal durchschnaufen können, zum Lesen, Meditieren oder Yoga kommen, sich einen kleinen Kräutergarten anlegen oder wieder gesund für sich selbst zu Kochen.

All die Dinge, die uns mehr in die eigene Mitte bringen und raus aus dem Hamsterrad von Arbeit, Konsum und externer Befriedigung, lassen uns persönlich wachsen. Je größer dieses Wachstum, desto wahrscheinlicher wird jeder Single auf den Menschen treffen, der wirklich zu ihm passt. Im besten Fall steht der Partner dann nicht mehr (wie häufig in der Idealvorstellung im Kopf) dafür, einen selbst glücklich zu machen, sondern man hat in der Zwischenzeit selbst viele kleine und große Schritte unternommen, sich selbst das zu geben. Dann ist eine Beziehung mehr wie die Sahnehaube auf einem Kuchen und nicht mehr der Teigboden. Genau dazu ist die aktuelle Zeit ideal, indem man sich auf sich besinnt und sich mit seinen Themen befasst. Weg vom Externen, hin zu sich selbst!

#stayhomeandfuck
Wir alle sind in derselben Situation: Isolation. Aber wir lassen nicht zu, dass wir uns dabei voneinander entfernen. Erfahre mehr darüber, wie wir Menschen zusammenbringen wollen! Hier entlang


Über Wieland Stolzenburg

Wieland Stolzenburg
Foto: © Wieland Stolzenburg

Wieland Stolzenburg ist Beziehungspsychologe und Psychotherapeut. In seinen praxisnahen Ratgebern unterstützt er Menschen dabei, erfüllende Partnerschaften zu führen und legt seinen Fokus neben Partnerschaft auch auf Lebenszufriedenheit und Persönlichkeitsentwicklung.

〉 Viele weitere praktische Tipps, wie Paare ihre Beziehung stärken können, findest Du in seinem Buch Beziehungsglücklich: 27 Tipps für eine erfüllende Partnerschaft. Hier mehr erfahren

〉 Wenn Dich interessiert, warum Du die Beziehungsmuster hast, die Du hast, ist vielleicht sein Bestseller Beziehungsleben etwas für Dich. Darin nimmt der Autor die Leser an die Hand, sich selbst besser kennenzulernen und damit glücklicher und freier zu werden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.