Vulva-Künstler: „Medien erzeugen Trugbilder einer idealisierten Vulva“

Mit Kunst gegen Körperideale
© Mirko Hecht

 

Der Künstler Mirko Hecht macht Gips-Abdrücke von Vulvas und verändert dadurch den Blick auf Körperideale. Wir sprachen mit ihm über seine Arbeiten.


AMORELIE: Hallo Mirko! Schön, dass wir mit Dir über Deine Arbeiten sprechen können. Du bist ja eigentlich Tierarzt. Möchtest Du uns kurz erzählen, wie Du zur Kunst gekommen bist und seit wann es Dein Projekt VulvaVariety schon gibt.

Mirko Hecht: Kreativität und künstlerisches Schaffen begleiten mich schon seit frühster Kindheit – zündet ein Funke in meiner Ideenschmiede, dann beginnt ein unaufhaltsamer Schaffensprozess.

Das Projekt VulvaVariety startete in Hamburg 2014. Inspiriert von Jamie McCartney und seiner „Great Wall of Vagina“ benötigte ich mehrere Dutzend Vulva Abformungen für eine Installation an einer leeren Wand in meiner Altbauwohnung. Das war der Start des Projekts mit dem Ziel Vulva-Abformungen von Teilnehmerinnen aus allen Nationen der Erde zusammen zu bekommen – als Zeichen für Völkerverständigung und Rechte der Frauen.

Das Projekt VulvaVariety zeigt die Vulva bei geöffneten Beinen und zeigt die Individualität und Diversität von bislang mehr als 450 verschiedenen Vulva-Abdrücken.

AMORELIE: Du sagst über Dein Projekt, dass Du damit eine positivere Selbstwahrnehmung und Auseinandersetzung mit der eigenen Intimität schaffen möchtest. Wie genau hilft es dabei Frauen, die mit Körperunsicherheiten zu kämpfen haben?

Mirko Hecht: Das möchte ich sehr gerne mit einem Satz beantworten, den ich sehr häufig von Teilnehmerinnen zu hören bekomme: „Wow, so anormal scheine ich da unten gar nicht zu sein“. Wenn ich daraufhin die Gegenfrage

Was bezeichnest Du denn an Dir als anormal?

stelle, wird das häufig damit begründet, dass die Vulva von dem medial erzeugten Trugbild einer idealisierten Vulva abweicht.

Hauptsächlich geht es um längere oder asymmetrische innere Vulvalippen, welche als ästhetisch störend empfunden werden. Unsicherheit kommt meiner Meinung nach dadurch zustande, dass den meisten der detaillierte Blick auf andere Vulven verwehrt blieb, und somit nur das „Idealbild“ einer symmetrisch geformten Vulva, mit dezenten inneren Vulvalippen und leicht hervortretender Klitoris, bleibt. Die Realität bildet aber ein völlig anderes Bild ab – nämlich, dass keine Vulva der anderen gleicht und der überwiegend große Teil deutlich hervortretende innere Vulvalippen zeigt.

Spätestens wenn die eigene Vulva-Abformung in den Händen gehalten wird und die Exploration aus allen erdenklichen Blickwinkeln stattfindet, hat es nahezu allen meiner Modelle ein Glitzern in den Augen hervorgerufen. Das ist der magische Moment beim Abformprozess. Nicht selten ist es ein Transformationsprozess bezüglich der Selbstwahrnehmung des Intimbereichs.

© Mirko Hecht

AMORELIE: Deine Arbeiten bestehen hauptsächlich aus Abbildern der weiblichen Anatomie. Denkst Du deshalb, dass Männer weniger unsicher sind und ihre Körper positiver wahrnehmen als Frauen?

Mirko Hecht: In meiner Wahrnehmung scheuen sich Männer noch sehr, sich als Modell für eine Penis-Abformung zur Verfügung zu stellen. Da sind Menschen mit einer Vulva deutlich mutiger. Von bislang 12 Penis-Abdrücken sind ein Viertel Transpersonen. Ich habe demnächst sogar die Ehre eine Vulva-Abformung bei einer Teilnehmerin vorzunehmen, von der ich letzten Sommer noch einen Penis-Abdruck nehmen durfte.

Ich glaube, es ist ein sehr individuelles Thema und kann nicht auf Männer – Frauen heruntergebrochen werden. Mein Eindruck ist aber, dass es eher ein Generationeneffekt ist, als ein geschlechtsspezifisches Geschehen.

AMORELIE: Gibt es etwas Unerwartetes, das Du während der Arbeit an Deinem Projekt gelernt hast?

Mirko Hecht: Völlig unerwartet ist die Tatsache, dass ich mittlerweile eine globale Reichweite erlangt habe und ich die Möglichkeit bekomme, etwas Positives bei anderen bewirken zu können. Unerwartet war auch, dass mir nicht bewusst war, dass solch ein großer Bedarf der Aufklärung besteht. Auch in Zeiten des Internets mit der Fülle an unerschöpflichen Bild- und Videomaterial rund um Nacktheit und Intimität, gibt es immer noch

große Lücken im Wissen rund um die Anatomie des weiblichen Genitals.

AMORELIE: Denkst Du, dass wir auf dem richtigen Weg sind in eine Zukunft ohne Körperideale, aber mit einem entspannten Verhältnis zu unseren eigenen Körpern?

Mirko Hecht: Ich denke schon. Ich vermute es wird eher in die Richtung gehen, mehr auf den Körper als solches zu achten und diesen gut zu behandeln. Das momentane Körperideal wird daher automatisch in den Hintergrund gedrängt. Faktoren wie Ernährung, Bewegung und Achtsamkeit werden deutlich mehr an Priorität bekommen. Die Gesellschaft ist im Wandel und ich bin mir sicher, dass Äußerlichkeiten  zwar weiterhin zählen werden, aber nicht mehr diesen hohen Stellenwert einnehmen.

© Mirko Hecht

AMORELIE: Wird es in Zukunft weitere Projekte geben, die sich mit dem Thema Body Positivity und Selbstwahrnehmung auseinandersetzen werden?

Mirko Hecht: Da bin ich mir sicher. Ich möchte gerne unterschiedlichste Bereiche aufgreifen und auch verschiedenste Kunstformen miteinander verschmelzen lassen. Ich arbeitete derzeit mit vielen anderen Personen aus den Bereichen Feminismus, Sexualwissenschaften, Medizin und Kunst zusammen. Daraus entstehen immer wieder neue Ideen und Projekte. Mein großes Anliegen ist es immer noch meinen Beitrag zur Aufklärung und Sensibilisierung zum Thema Genitalverstümmelung von Frauen liefern zu können.

AMORELIE: Was würdest Du gerne Frauen und Männern sagen, die unter Körperunsicherheiten leiden?

Mirko Hecht:
Ich bin kein Psychologe, aber ich denke, dass die Auseinandersetzung und aktiv darüber zu sprechen der Schlüssel ist. Viele Unsicherheiten beruhen auf falschen Annahmen oder Missverständnissen. Man muss sich sein eigenes Bild machen können und versuchen, seine Perspektiven zu verändern. Mein Rat wäre also: Klammert Äußerlichkeiten aus und besinnt Euch auf die inneren Werte. Abschließen möchte ich dieses Interview mit einem Zitat des österreichischen Lehrers und Dichters Ernst Ferstl: „Das Fundament der Vielfalt ist die Einzigartigkeit“.

 

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1 Kommentar

  • Ein sehr interessanter Bericht. Vielen Dank dafür!
    Vielleicht ist ja auch mein Projekt VIVA LA VULVA! von Interesse. Es geht dabei um eine andere Sichtweise auf die menschliche Vulva – mit Beispielen für Ihre Schönheit, Vielfalt und Einzigartigkeit als Fotomontagen in Verbindung mit Bildern aus Fauna und Flora.
    Hier der direkte Link:
    http://www.fred-lang.de/flora3.html

    Mit freundlichen Grüßen
    Fred Lang

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